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Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 12. Mär 2010, 18:53
von snowy
Meine ADHS Geschichte

Mein Name ist Rebecca Haertel. Ich wurde am 11. 2. 1966 in Berlin geboren und bin ein Einzelkind. Als ich vier Jahre alt war, wurde bei mir ADHS festgestellt.
1972 wurde ich in eine normale Grundschule eingeschult.
Die Lehrer wußten von meiner Störung. Ich habe davon nichts gespürt, außer daß ich Konzentrationsschwierigkeiten (besonders in Mathe) hatte und jedesmal wenn wir geschrieben hatten, waren meine Hände völlig mit Tinte beschmiert. Einmal hat eine fremde Lehrerin mich deswegen ausgeschimpft. Als sie jedoch von meiner ADHS erfuhr tat es ihr sehr leid und sie sagte „ Wenn ich daß nur gewußt hätte“. Ich kann mich an diesen Vorfall nicht mehr erinnern. Auch in Sport war ich schlecht. Keiner wollte mich in sein Team haben wenn wir Volleyball gespielt haben.Daß tat weh! Meine Mitschüler haben mich jedoch toleriert, sie wußten das ich irgendein Problem hatte. Ich wurde jedoch oft von Verwandten(Mutti, Oma, Tante), kritisiert.
Ich hatte zwar einige Freunde, fühlte mich jedoch am wohlsten wenn ich bei meinen Eltern oder alleine war. Wahrscheinlich weil ich schon immer sehr schüchtern und ängstlich war. Ich habe sehr viel Fantasie und lebte schon damals in einer Traumwelt.
1978 kam ich in die Realschule. Wegen meiner Schüchternheit hatte ich große Schwierigkeiten mich in der neuen Schule einzuleben. Kurz vor Weihnachten wurde ich körperlich krank. Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. Meine Eltern dachten ich wäre psychisch krank und ich landete in einer Klinik .Dort blieb ich drei Monate. Daß war ein großer Fehler, denn nach meiner Entlassung wurde alles schlimmer. Ich schlief schon früher ungern bei Freundinnen oder Verwandten. Aber nach dem Klinikaufenthalt weigerte ich mich total bei „Fremden“ zu schlafen. Ich bin auch nicht mit auf Klassenfahrt gefahren.
Aufgrund dieses Aufenthaltes im Krankenhaus bin ich sitzengeblieben und wieder mußte ich mich an neue Mitschüler gewöhnen.

Im Dezember 1980 zog meine Familie wegen Ärger mit den Nachbarn um. Ich sträubte mich dagegen, denn es hieß daß ich die Wohnung, wo ich 12 Jahre lang gelebt habe, verlassen und in eine fremde Gegend ziehen mußte.Auch dort hatte ich Schwierigkeiten mich einzuleben.Zum Trost flogen meine Eltern und ich im August 1981 nach London. Es war meine erste Reise ins Ausland. Ich verliebte mich total in London. Als wir nach Berlin zurückkehrten war ich total verzweifelt! Ich wollte wieder nach London und dort leben.
Die neue Umgebung, der Streß in der Schule und die Sehnsucht nach London waren zuviel für mich. Eines Tages im November 1981 stand ich während des Unterrichtes auf und ging nach Hause. Natürlich gab es großen Ärger, woran ich mich in Details jedoch nicht erinnern kann.
Ich bin nie mehr in die Schule zurückgekehrt. Alle Bemühungen mich zu überreden oder mich in eine andere Schule zu schicken scheiterten. Dadurch habe ich keinen Schulabschluß. Es gab viel Streß, aber glücklicherweise wurde ich nicht wieder in eine Klinik gesteckt. Ich hatte dann Privatunterricht.
1982 reisten wir wieder nach England. Der Wunsch dort zu leben wurde noch stärker.
Ich gebe zu, in der Schule war ich nie ehrgeizig denn mich hat Lernen immer gelangweilt. Ich wollte lieber Spielen. Sprachen, Geschichte und Geographie waren meine Stärken; Mathe, Naturwissenschaften meine Schwächen.
Als mein Entschluß nach England zu ziehen immer stärker wurde( denn nur dort würde ich glücklich werden, dachte ich) fing ich an intensiv Englisch zu lernen. Mir war klar wenn ich dorthin ziehen will, muß ich die Sprache perfekt beherrschen.
Es hat viele Jahre gedauert und war mühsam, aber Englisch ist schon lange keine Fremdsprache mehr. Ich kann es( fast) genau so gut wie Deutsch.
Später fing ich auch noch an andere Fremdsprachen zu lernen und ich habe mir durch meine Liebe zu England ein großes Wissen über Großbritannien angeeignet und ich habe auch so ein großes Allgemeinwissen.
Ich habe auch gelernt Gitarre und Keyboard zu spielen .Alles jedoch autodidaktisch, da ich zu schüchtern war um irgendwo hinzugehen wo fremde Menschen waren. Später habe ich mir auch beigebracht wie man einen Computer bedient. Mitte der 90-ziger Jahre habe ich angefangen zu schreiben, denn ich dachte vielleicht könnte ich als Schriftstellerin mich durchs (für mich) so harte Leben schlagen. Ich hatte jedoch nie Erfolg, da ich nur auf Englisch schrieb und die Möglichkeiten von Deutschland aus etwas im Ausland zu veröffentlichen nicht geklappt haben. Das ich mir alles im Selbststudium beigebracht habe, war ein großes Erfolgserlebnis; aber genützt hat es mir nichts.

Meine Sehnsucht nach England wurde immer größer. Ich bildete mir ein, daß ich in Deutschland niemals leben könnte. Ich habe es niemals geschafft auszuwandern. Schließlich spitzte sich die Lage so zu, daß ich circa zwei Jahre meine Wohnung nicht verließ. Im Dezember 1998 bekam ich durch Medikamente sehr große Angstzustände dadurch änderte sich mein Leben. Ich wollte nicht mehr nach England, sondern fürchtete mich davor. Ich ging wieder raus und akzeptierte Berlin als meine Heimat.

Jedoch durch diese Isolierung waren die Schäden groß. Ich hatte immer noch Angst fremde Menschen kennenzulernen. Meine größte Angst war “ was wird aus mir wenn Mutti stirbt?“ denn ich wohne noch bei ihr. Mein Vater verstarb 1991. Durch ADHS habe ich mein Selbstbewußtsein total verloren.Es war früher so schlimm daß ich nicht mal allein Brötchen holen, geschweige denn mit Fremden (Behörden, Handwerker usw.)
telefonieren konnte.
Eine Psychotherapie wurde vorgeschlagen, was mich wütend machte, denn ich hatte von meinen 4-bis 24sten Lebensjahr an mehrere Therapien und haßte alle Psychotherapeuten und Psychologen wie die Pest. Wahrscheinlich lag es daran, daß ich immer gezwungen wurde Therapien zu machen, die mein Selbstbewußtsein noch mehr zerstört hatten.

Im Oktober 2007 überredete mich eine meiner wenigen Bekannten den Treffpunkt Tempelhof, eine Einrichtung für psychisch Kranke, anzusehen. Er gefiel mir ganz gut dort und obwohl ich natürlich zuerst Angst hatte und die Menschen kaum kannte lebte ich mich nach einer Weile ein. Ein Wunder geschah! Ich fand dort einen Ergotherapeuten zu dem ich Vertrauen fand und wieder über meine Probleme reden konnte. Nach einigen Monaten waren mir die anderen Therapeuten und Klienten so vertraut, als ob ich sie schon immer gekannt hätte. Mein Haß auf die Psychotherapeuten und Psychologen ist inzwischen Vergangenheit. Seit Dezember 2008 habe ich dort eine feste therapeutische Betreuung, mache immer mehr Fortschritte und kann jetzt viele Dinge die früher nicht möglich waren.
Nach der schwersten Krise meines Lebens im Juni 2009, die fast im Selbstmord endete, habe ich mich entschlossen wieder mit den Schreiben anzufangen (diesmal in Deutsch). Mein größter Wunsch ist jedoch anderen Menschen, vor allem Kindern, mit ADHS zu helfen und ihnen durch meine Erfahrungen ein besseres Leben zu verschaffen.
Rebecca(Snowy)

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 12. Mär 2010, 20:08
von SandraG
Hallo Rebecca,

das ist ja wirklich schlimm, was Du da durchgemacht hast! Alle Achtung, dass Du so offen darüber schreiben kannst und es Dir jetzt gut geht.

Liebe Grüße
Sandra

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 12. Mär 2010, 20:36
von gundula
hallo, rebecca,

dein ehrlicher und offener bericht über dein leben.... alle achtung!
und trotzdem hast du es geschafft.... einen ort zu finden, an dem du wieder leben lernst... wieder das leben zu spüren... und du bist am leben!!!

deine ehrlichkeit kommt an. und du machst mut, indem du bist!

alles liebe dir

gundula

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 12. Mär 2010, 21:50
von Dragonheart-Sam
Wow! Große Bewunderung meinerseits für dich und das, was du geschafft hast.

Es ist immer schwierig, mit solchen Krankheiten umzugehen. Traurig oder schade ist es aber total, wenn auch die Familie nicht so ganz damit klarkommt.

Ich finde, du hast absolut Hochachtung verdient, dass du erstens so offen darüber reden kannst, aber auch zweitens selber anderen Betroffenen helfen willst. Das finde ich einfach toll.

Alles Liebe,
und bleib dran am Schreiben.
Babsi

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 13. Mär 2010, 17:34
von Dingo
Hallo Snowy,

nun hast du, wie angekündigt, tatsächlich etwas von dir ins Forum gestellt. Und dann noch zu so einem intimen Thema. Alle Achtung!

Ob London oder Berlin, beim Schreiben oder Malen, Hauptsache ist doch, dass du dich akzeptierst, wie du bist und das Beste draus machst. Und auf dem besten Wege, eines deiner Traumziele zu erreichen, bist du doch schon. Also mach weiter so und schreibe, schreibe, schreibe ... Und wer weiß, vielleicht wird es ja auch noch einmal London.

LG und ein schönes Wochenende

Dingo

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 14. Mär 2010, 13:12
von carina
Hallo Snowy,
ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen und möchte Dir Respekt und Bewunderung für Deine Offenheit aussprechen. Ich wünsche Dir das Beste, was auch immer Du tust.
LG carina

Re: Meine ADHS Geschichte

BeitragVerfasst: 14. Mär 2010, 17:51
von snowy
Vielen Dank für euer Feedback. Ihr seid so lieb Wenn immer ich schreibe und kreativ bin fühle ich mich gesund.
Liebe Grüße
Rebecca oder Snowy :roll: