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Der Höllenwald (3) - Der zweite Reisebericht

BeitragVerfasst: 4. Sep 2012, 21:13
von Lost Empathy
Was ich in Teil Eins dieses Reiseberichts vergaß.

Liebe Leser, mir ist aufgefallen, das ich im ersten Teil meines Reiseberichtes vergaß. Wir hatten noch einen Begleiter, der unbedingt mit auf die Reise wollte und sich mit ins Reisegefährt gedrängelt hatte. Bei diesem Begleiter handelt es sich um meine zahme Rabenkrähe namens „Hugin“. Dieser neugierige Vogel flog uns bei der Abfahrt von Zuhause einfach nach und huschte noch schnell ins Auto.

Ich erwähne dies, weil das uns eine Vorwarnung hätte sein können. Das erste Mal, das sich Hugin, der mir normalerweise überall hin begleitet und sich wirklich nie von mir trennen kann, weigerte, „unseren“ Bunker zu betreten. Rufen und Locken brachte nichts. Hugin saß allerhöchstens auf dem Boden vor dem Bunkereingang, sträubte drohend die Federn und flog wieder weg, in die Baumkrone eines nahen Baumes. Normalerweise hätte mich das stutzig machen müssen.


Reisebericht zweiter Teil

Nachdem sich die Geister in der ersten Nacht wohl im Urlaub waren und sich nicht zeigten, machten wir uns am späten Morgen eine kräftige Brotzeit mit viel Rührei und starkem Kaffee auf dem Campingkocher. Wir sprachen nicht viel, da wir wohl etwas übermüdet waren, zudem waren die Temperaturen im Bunker mit etwa 9 Grad auch nicht so angenehm waren. Folgenden Tagesplan haben wir uns für Tag zwei aufgestellt:


  1. 01. Nahrungsmittel einkaufen
    02. Befragung von Dorftratschen und Veteranen der Schlacht im Hürtgenwald.
    03. Schatzsuche
    04. Besuch des Soldatenfriedhofes
    05. Neuanordnung der technischen Ausrüstung

Nun, Punkt eins des Tagesplans hört sich eigentlich ganz einfach an, sollte man meinen. Hat man allerdings eine Krähe bei sich, kann genau das zu Problemen führen.
Hugin verhielt sich auf dem Weg so wie er sollte – er blieb auf meiner Schulter sitzen, oder kletterte auch schon einmal Marius auf die Schulter um ihn zu zwicken. Marius Stimmung besserte sich und auch mir ging es gut. Wir schwatzten viel über die vergangene Nacht und überlegten, ob wir nicht etwas falsch aufgebaut hatten.


Nach einem längeren Fußweg quer durch ein wunderschönes Waldgebiet kamen wir dann in den Ort und besuchten den ansässigen Supermarkt auf. Ich wies Hugin an, ganz brav draußen zu warten und setzte ihn auf den Fahrradständer. Derweil ging Marius schon einmal in den Laden – ich folgte mit einem kribbeln im Bauch. Kribbeln deswegen, weil Hugin sicher einen Weg finden wird, um mir zu folgen. Ja, und richtig – kaum ging draußen die Schiebetür auf, weil ein anderer Kunde das Geschäft betrat, kam Hugin auch schon geflogen und setzte sich auf meine Schulter, um gekrault zu werden. Es dauerte auch nicht lange, da wurde ich gebeten, das Tier aus dem Geschäft zu entfernen; am besten würde ich mich wohl auch entfernen! Ich sagte Marius bescheid, gab ihm Geld und verließ das Geschäft – darauf achtend das Hugin keinen Blödsinn machte. Machte er natürlich. An der Kasse sah er, wie eine Kundin Sachen in den Einkaufswagen legte, nachdem die Kassiererin sie in die Kasse eingescannt hatte. So neugierig, wie Hugin nun mal war, flog Hugin los, setzte sich in den Einkaufswagen und untersuchte jedes einzelne Teil, welches darin war und welches kam. Ich ging hin und schnappte mir den Schlingel und entschuldigte mich bei der Kundin für das schlechte Benehmen meines Tieres. Zum Glück fand sie das witzig und die Sache nicht so tragisch. Puh, Glück gehabt – obwohl mir der böse Blick der Kassiererin nicht entging.


Nun kam Tagespunkt zwei an die Reihe – die Befragung der Dorftratschen und der Veteranen. Die Tratschen waren schnell aufgetrieben (wenn man weiß wie), doch diese hatten außer dem neuerlichen Dorftratsch nichts verwertbares zu erzählen. Die Veteranen weigerten sich leider, über das Thema „Schlacht im Hürtgenwald“ zu sprechen. Ich denke, viele tragen noch tiefe Wunden im Herzen und wollten deshalb nicht darüber sprechen, vielleicht aber wollten sie nicht, da ihnen meine Äußerlichkeiten etwas unheimlich waren. Wie dem auch sei, auch das war ein voller Schlag ins Wasser. Schade darum, ich hätte sehr gerne mehr erfahren – am liebsten auch persönliche Erinnerungen. Meine Vorarbeit zum Hürtgenwald brachte relativ wenig, da sehr viele alte Dokumente dem Krieg zum Opfer fielen, auch so etwas, was mir schwer im Magen lag.
Wir drei Abenteurer verließen das Dorf und verschwanden wieder in den Wald. Wie auch im ersten Tagesbericht beschrieben, sah ich wieder nicht nur die Schönheit dieses Waldes, sondern spürte auch die Dunkelheit, die wie ein Dunstschleier über diesem riesigen Waldgebiet lag. Jedes Mal lief mir ein Schauer aus Trauer, Schmerz und Leid durch Mark und Bein.
Marius merkte, dass ich wieder sehr ruhig wurde und gedankenverloren vor mich hin starrte. Er riss mich mit einem dämlichen Witz aus meinen düsteren Gedanken, dem bedrückenden Gefühl in meinem Bauch.


An „unserem“ Bunker angekommen verstauten wir erst einmal unsere Vorräte und aßen zu Mittag – es gab wie am Vortag „Fronteintopf“ (Chili gestreckt mit etwas Wasser, Kartoffeln und Speck), als Getränk diente uns eine Dose „Gerstentee“. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich unser Appetit seit dem Vortag verstärkt hatte, denn so schnell waren wir noch nie fertig mit Essen. Na egal, auf jeden Fall ging es nun auf „Schatzsuche“ – will heißen: Buddeln nach Kriegsüberresten wie z. B. Orden, Helmen ect. ****
Einen genauen Plan, wo wir suchen wollten, hatten wir nicht – leider auch keinen Metalldetektor, also gingen wir an eine Stelle zwischen zwei Bäumen einer Baumgruppe und gruben los.
Schnell hatten wir auch die ersten Fundstücke: Eine neugierige Krähe die ständig das Loch kontrollieren wollte, eine Hand voll alter Gewehrmunition und ein Helmfragment. Nun sind Krähen entsetzlich neugierig und lieben metallische Gegenstände, und so musste ich Hugin die eine oder andere Patrone abjagen, weil diese brandgefährlich werden können.
Marius schaufelte in der Zeit, in der ich Hugin die Munition abjagte, das Loch zu und achtete darauf, dass das alte Schießmaterial sorgfältig vergraben war. Im zweiten Loch, welches wir gruben, fanden wir folgendes: Wieder eine neugierige Krähe, ein paar Granatsplitter und jede Menge Erdboden. Also wieder ein Satz mit X, aber ein Versuch war`s schon wert; und welcher Abenteurer sucht nicht gerne nach Schätzen?

Nachdem uns nicht vergönnt war, einen Schatz zu finden, verstauten wir unsere Spaten in unseren Rucksäcken und gingen auf den Soldatenfriedhof um den Toten dort zu gedenken. Ich muss sagen, es war schon traurig so viele Kreuze dort stehen zu sehen. Amerikanische Gefallene lagen dort nicht, die, werden nicht in Deutschland beerdigt – habe ich erst später erfahren. Was mir allerdings auffiel, war eine gegossene Betonplatte vor dem Friedhof. Bei näherer Betrachtung stellten wir fest, muss dort wohl ein Geschütz befestigt gewesen sein und der Ort, wo der Friedhof lag, eine Geschützstellung der Wehrmacht. Ich weiß nicht, wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich wieder so ein seltsam bedrückendes Gefühl in der Magengegend.

Langsam wurde es Dunkel und uns zog es zurück damit wir noch unsere Geräte sinnvoll und sicher aufstellen konnten.
Wir platzierten eine Nachtsichtkamera in Mannschaftsraum und eine im Munitionsraum, allerdings in einer anderen Ecke als in der Nacht zuvor. Wir rüttelten an den Stativen und kontrollierten den Boden, worauf die Stative standen, nicht das etwas fällt oder wackelt. Die Mikrofone wurden in beiden Räumen so platziert und an allen Ecken in etwa 1 m Höhe die Infrarotbewegungsmelder. Die Thermometer wurden wieder über Kreuz installiert und der ganze Klumpatsch mit dem Laptop verbunden. Zuguterletzt stellten wir noch eine Wärmebildkamera auf, die zum Kabelsalat noch dazu kam. Fertig!

Nach einem üppigen Abendmahl gingen liefen wir noch einmal durch beide Räume um Emf – Messungen zu machen. Beide Räume wiesen dieselben Werte wie am Vortag auf – also nichts Ungewöhnliches.

Der Anfang des Abends und der Nacht begann wie gehabt mit starren auf den Monitor, welches dann dem Kartenspiel und dem gelegentlichen Gucken weiter ging. Zwischendurch gingen wir in unregelmäßigen Abständen ein Emf machen, jedes Mal ohne Ergebnis, so langsam frustrierte uns das. Gegen 22 Uhr ging Marius raus zum Austreten, ich langweilte mich am Monitor. Plötzlich hörte ich ihn verunsichert rufen. Mmmm, ein Bär von einem Kerl und Angst? Ich ging raus, um nachzusehen, was wohl los sei. Da sah ich was er meinte. Der Boden war bedeckt mit einem dichten Bodennebel – dichter als ich jemals Bodennebel gesehen habe, denn meine Füße konnte ich nicht mehr sehen. Zum Bodennebel gesellte sich einrecht helles Mondlicht. Irgendwie erinnerte mich dieses Bild an einen frühen Werwolffilm, es fehlte nur noch ein heulender Wolf. Aber ich glaube, in dem Moment, in dem der Wolf angefangen hätte zu heulen, wäre Marius wohl gerannt wie ein Meerschweinchen in Panik (also sehr schnell und quiekend). Wir beide fanden die Szenerie wirklich faszinierend, so was bekommt man nicht alle Tage geboten.

Wir saßen dann eine ganze Weile wieder ruhig an unserem Platz und spielten Karten, als es geschah. Gerade hatte ich einen Royal Flush beim Pokern, als es im Mannschaftsraum rumpelte und ein Kamerabild weg war. Marius standen die Haare zu Berge und mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Schon als wir die Geräte aufstellten hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch – so wie meistens wenn sich etwas zusammenbraut.

Marius sah mich erschreckt an, und auch ich guckte ziemlich erschreckt aus der Wäsche. Nun hieß es nachschauen und wieder richten, nur Marius weigerte sich plötzlich, den Schützenraum welchen wir bewohnten, zu verlassen und erst recht wollte er nicht mehr in den Mannschaftsraum – auf gar keinen Fall!

Gut, also ging ich in die Höhle der Geister – oder auch Nicht-Geister. Im Mannschaftsraum angekommen (jaja, der war weit weg – also ganze 4 Meter), sah ich die Bescherung – die Kamera samt Stativ lagen auf dem Boden. Man könnte nun meinen, das Stativ hätte auf einem Steinchen wackelig gestanden, oder wir hätten das Stativ lose zusammengeschraubt – das war aber nicht der Fall, trotzdem kontrollierte ich alles noch einmal.

Später stellte sich dann etwas heraus, mit dem niemand von uns gerechnet hätte – doch dazu später. Nachdem alles wieder aufgebaut war (die Kamera hatte keinen Kratzer abbekommen, da gut eingepackt), machte ich in beiden überwachten Räumen eine Emf Messung und stellte leicht erhöhte Werte fest – mir war zwar nicht klar, woher die kamen, aber sie lagen noch im normalen Bereich.

Marius beruhigte sich langsam wieder und gestand mir später in der Nacht, dass er Angst hätte, und das nicht zu knapp. Das kann ich immer noch nicht fassen – eine laufende Schrankwand hat Angst, weil eine Kamera umgefallen ist – ich bin fassungslos.

Nun, das war der zweite Tag unserer Reise um das Gruseln zu lernen.
Der Dritte kommt bestimmt - versprochen


**** Achtung!! Das Graben und Stochern ist im Hürtgenwald offiziell verboten. Es besteht durch die ganze Munition, die niemals geräumt wurde Lebensgefahr. Also - nicht nachmachen und das dem Kampfmittelräumdienst oder dem Landesmuseum überlassen. Ihr spielt mit eurem Leben.