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mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 20. Mär 2010, 21:08
von gundula
mein nicht ganz einfaches leben

in meinem leben ist vieles nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. oft bin ich „daneben gestanden“, und hab gedacht, das bin jetzt aber nicht ich! so bin ich nicht!
vorallem das thema männer war ein bereich, in dem es viele probleme gab. männer waren etwas, mit denen ich nicht umzugehen wusste.
oft war auch im hinterkopf der gedanke, das ist nicht normal, so, wie du reagierst. warum machst du das gerade so, so verkehrt?
im jahr 2005 hat mich ein burn out mit depression vollends aus der bahn geworfen. und zum stehenbleiben gezwungen.
in diesem jahr hab ich dann eine psychotherapie begonnen. aber erst nach drei jahren beim gleichen therapeuten war meine seele in der lage, ihren schmerz loszulassen.
und der war gewaltig.
im kopf gab es nur vage ahnungen. aber jetzt kamen körpererinnerungen auf.
zum einen bin ich vor einem scherbenhaufen gestanden. zum anderen war ich einfach nur dankbar.
als ich drei jahre alt war, hat mich mein vater im ehebett missbraucht. meine mutter war gerade schwanger.
das bett war von meiner mutter noch warm. und ich musste ihn befriedigen. der mund und die hände einer dreijährigen!
nach „vollbrachter tat“ bin ich da gesessen, den mund, die hände voll mit seinem gatsch... das bett voll davon.... und er drehte mir den rücken zu.... kein wort.... nur abweisung....
ein paar mal ist das geschehen.
wer würde denn einer dreijährigen glauben, wenn sie etwas erzählen möchte, das schlimm und auch schön war, für das sie aber noch gar keine worte hat???
die körpererinnerungen daran, die ganze situation noch einmal so wirklich durcherleben.... wie ich mich gefühlt hab... wie verlassen.... verzweifelt.... und niemand da....
es war.... schrecklich!
ich war ein kleines kind. kinder, ach, die können sich nicht erinnern.
stimmt, ich konnte mich nicht wirklich erinnern. aber meine seele ist zusammengebrochen.
die „gestohlenen augenblicke der lust“, unbedacht, aus reinem „ich will“, haben mein ganzes leben nachhaltig geprägt!
mir ist durch die therapie so viel klar geworden. vieles hat sich auch in den jahren gelöst.
ich fühle mich wie ein schmetterling, der seine raupenstadien, verpuppungen erst durcherleben muss, bevor er sich so richtig entfalten kann. ich werde immer mehr ich.
trotzdem, ich bin für mein leben gezeichnet. ich muss lernen, mit diesen erfahrungen so gut als möglich umzugehen, und sie in den alltag zu integrieren.
beinahe fünfzig jahre bin ich mit einer last durchs leben gegangen, die keinen namen hatte!
und trotzdem bin ich dankbar.
so werde ich langsam wieder die frau, die unter all dem schutt begraben war.
und das lohnt sich!

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 23. Mär 2010, 05:05
von Lantaris
Ich möchte mich bedanken für diesen Text und deinen Mut, uns allen einen Einblick in dein Leben und dein Schicksal gegeben zu haben. Du hast Schreckliches erlebt und durchgemacht und bestimmt damit eine schwere Last zu tragen. Offen darüber zu reden/zu schreiben fällt bestimmt nicht leicht und deshalb bewundere ich dich, dass du es trotzdem tust. Schade eigentlich nur, dass noch niemand dazu einen Kommentar gepostet hat, aber vielleicht ist es die Sprach- und/oder Mutlosigkeit, das Entsetzen oder das "schockiert sein" angesichts deiner offenen Worte, die einen davon abhält einen Kommentar zu schreiben.
Als Kind missbraucht zu werden, vom eigenen Vater, ist bestimmt das Schlimmste überhaupt was man erleben kann. Dass in späteren Jahren dadurch tiefe seelische Wunden entstehen ist ohne Frage. Kann man diese Wunden jemals wirklich heilen? Trotz Hilfe? Ich glaube nicht ... vielleicht lindern, aber heilen?

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 23. Mär 2010, 09:20
von gundula
ein paar monate, nachdem mir mein missbrauch bewusst geworden war, war ich voller enthusiasmus. ich wollte nichts mehr, als anderen frauen mit ähnlichen erfahrungen mut machen, sprich eine selbshilfegruppe gründen.

damals hab ich nicht geahnt, wie schwierig das aufarbeiten ist. meine pläne sind, vielleicht auch nur vorerst, ich weiss es nicht, im sand verronnen, weil ich noch viel zu sehr im aufarbeiten stecke.

aber damals ist mir ein gedanke sehr bewusst geworden. für mich gibt es nicht "das schlimmste".

als vater sein eigenes kleines kind körperlich sexuell zu missbrauchen ist pervers!

aber wo fängt missbrauch an? frauen haben mir erzählt, ihr missbrauch in der jugend hätte "nur" verbal stattgefunden. und hat sie genauso geprägt.

als ich "schon" ca 5 jahre alt war, hab ich selbst solchen verbalen missbrauch erlebt. eine gruppe von männern, ua auch meinem vater, hat sich in unserem garten über "das" thema intensiv ergötzt. ich war irgendwo in der nähe und hab diese schwingungen ganz stark, ekelerregend wahrgenommen. ihre geilen blicke haben mich angefasst, ausgezogen, mich schutz- und wehrlos gemacht. weil ich nicht wusste, was da passiert....

dieses erlebnis hat mich ebenso stark geprägt.

ich bin so wütend auf männer, die keine grenzen kennen, denen grenzüberschreitungen egal sind, die ihre macht schamlos ausnützen..... und dadurch so viele seelen lebenslang darunter leiden müssen.

deswegen hab ich auch über mich geschrieben. um aufzurütteln, um das ans tageslicht zu bringen, was nicht verschwiegen werden darf!

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 23. Mär 2010, 21:48
von snowy
Hallo Gundula,
Wie ich hattest du Mut deine Geschichte ins Forum zu stellen. Es muß wirklich schrecklich gewesen sein,von seinem Vater mißbrauht zu werden. Ich kann mir vorstellen,daß dein Schmerz gewaltig war! Du scheinst einen guten Therapeuten gefunden zu haben,so wie ich.Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Mut.
Ganz
Liebe Grüße
Rebecca

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 23. Mär 2010, 22:16
von gundula
hej rebecca,

danke!

und... wir haben schon so viel geschafft... wir lassen uns nicht unterkriegen!!!

gundula

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 25. Mär 2010, 14:45
von Dingo
@ gundula: Respekt vor deiner Offenheit. Ich hatte deinen Text gleich nach Erscheinen gelesen, fand es aber unpassend, irgendeinen lapidaren Kommentar abzugeben. Das heißt aber nicht, dass er mich nicht betroffen macht, im Gegenteil. Alles Gute weiterhin für deine Therapie!

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 25. Mär 2010, 22:22
von Ulli
Gestern habe ich deinen Lebensbericht gelesen, der mir sehr nahe gegangen ist. Beim Lesen ist mir ein Buch eingefallen, dass ich gerade gelesen habe.
Hier wird ein Weg zur Heilung von traumatischen Erlebnissen beschrieben. Auch diese Lektüre hat mich sehr bewegt. Ich schreibe dir hier den Titel und die ISBN Nummer auf. Vielleicht möchtest du es ja lesen.

"The Journey - Der Highway zur Seele" von Brandon Bays. (ISBN 978-3-548-74091-1)

Ich wünsche Dir, liebe Gundula, alles Gute und eine glückliche Zukunft.

Liebe Grüße

Ulli

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 31. Mär 2010, 19:05
von gundula
hallo, ulli!

danke für den tipp! ich werde mir das buch zumindest einmal anschauen.

gundula

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 3. Apr 2010, 10:20
von Kyrla
Hallo Gundula,
ich finde es auch sehr mutig, darüber hier zu schreiben, aber ich denke auch, es ist wichtig darüber zu reden.
Wo fängt Missbrauch an? Tja - als kleines Mädchen (ich war noch nicht in der Schule) haben mich Nachbarsjungen, die wesentlich älter waren als ich zu Boden gedrückt und festgehalten. Dann haben sie mir die Unterhose runtergezogen und mir Kieselsteine hinein geschüttet. Ich weiß nicht, was sie sonst noch gemacht hätten, wenn meine Mutter es nicht zufällig gesehen hätte. Es gibt zwar weitaus Schlimmeres, aber ich weiß noch imme,r wie ich mich gefühlt habe und dass ich Schuldgefühle hatte, obwohl ich nun wirklich nichts dazu konnte und auch sicher nicht darum gebeten habe. Aber es war ein Gewaltakt an einem kleinen Mädchen, das sich nicht wehren konnte.
Dann wurde ich beinahe vergewatigt und ob man es glaubt oder nicht: im Freibad im Wasser. Da hat wirklich jemand versucht mich zu vergewaltigen - ich war 12 Jahre alt.
Er hat es nur nicht geschafft, weil ichwie wild getreten habe, aber es war sehr knapp.
Der Bademeister, den ich um Hilfe bat, hat mich nur von oben bis unten gemustert und mir deutlich zu verstehen gegeben ich sei es ja selber Schuld, wenn ich im Bikini rumlaufen würde und wahrscheinlich hat er mir eh nicht geglaubt. Ich war schon ziemlich weit entwickelt (rein äußerlich) damals und trug einenknappen Bikini wie alle Mädels damals.
Toll - dann muss man Kartoffelsäcke tragen, damit so etwas nicht passiert oder was?
Auch damals hatte ich Scham- und Schuldgefühle und ich habe bisher nur einmal darüber geredet.
Auch das war ein einschneidendes Erlebnis für mich - in aller Öffentlichkeit mit vielen Menschen drumherum und niemand macht etwas, um zu helfen oder bemerkt etwas; nicht einmal die Person, die dafür bezahlt wird zu helfen, wenn etwas passiert.
Ulrike

Re: mein nicht ganz einfaches leben

BeitragVerfasst: 24. Aug 2010, 11:13
von Dragonheart-Sam
Also.
Ich hab diesen Post gelesen und nicht gewusst, was ich anfangs schreiben bzw. antworten soll.
Zuerst mal möchte ich dir für den Mut danken, den du aufgebracht hast, indem du uns daran teilhaben lässt.
Zweitens finde ich es toll, dass du nicht aufgibst und einfach "in der Versenkung" verschwindest. Denn das machen leider viele.

Ich bin als Mädchen (damals war ich 10) mal von einem Jungen (der war 18 oder 19) verprügelt worden. Zumindest wollte er das. Ich hab mich gewehrt und (ich hatte eine Geheimwaffe, war nämlich grad einkaufen und hatte drei Krautköpfe in der Tasche :grinsen: ) ihn ganz schön zugerichtet. Und auch sein Fahrrad. Der ist nämlich auf der Fahrrad gesessen und hat mich von hinten angegriffen.
Egal ob man ein Kleinkind ist oder schon etwas älter, warum muss immer alles mit Gewalt enden oder manchmal auch anfangen.
Ich finde es abscheulich, ekelerregend und absolut unverständlich wie ein Vater oder auch eine Mutter ihrem Kind sowas antun kann. Aber generell leben wir in einer Welt, die immer irrationaler und abgründiger wird.

Drittens: Sage ich DANKE für diesen aufwühlenden Text.

Tut mir leid, dass ich dir erst jetzt eine Antwort schreibe, aber die kommt dafür von Herzen.
Du bist etwas Besonderes. Vergiss das nicht!

Glg Dragon