Meine schwerste Entscheidung

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Meine schwerste Entscheidung

Beitragvon Aericura » 12. Apr 2010, 21:31

Mein Leben war weitestgehend sorglos verlaufen (pubertäre Depressionen zähle ich hier nicht als echte Sorgen). Ich war Ideen nachgegangen, hatte geträumt und in den Tag hineingelebt. Da ich oft an unerfreuliche Dinge gedacht hatte, hatte ich versucht, das Denken auf ein Minimum zu beschränken, um mir den Alltag zu erleichtern.
Doch dann sollte das Nicht-Denken zu meiner größten Sorge führen: Ganz in den Sex mit Marco, meinem Verlobten, vertieft (verzeihen Sie den Wortwitz), hatte ich nicht mehr die Geduld, zu warten, bis er sich das Kondom übergestreift hatte. Als er mich warnte, dass ich schwanger werden könnte, löste das eine Art Kurzschluss aus, der mich spontan glauben ließ, ich würde ein Kind wollen. Es kam, wie es kommen musste: Zwei Monate später blieb meine Blutung aus und ein Apotheken-Test sagte mir mit einem blauen Plus: „Glückwunsch! Du bist schwanger! Geh schon mal Strampler kaufen!“
Das ganze wurde für mich nie richtig greifbar. Es war, als würde nicht in mir das Kind heranwachsen, sondern in einer anderen Frau, welche ich nicht kannte und als würde der ganze Rummel nur durch eine dumme Verwechslung um mich gemacht. Meine Mutter predigte mir, es wäre keine Schande, wenn ich es nicht bekommen würde. Ihr Freund überlegte schon mal, wie wir das Gästezimmer am besten umräumen sollten, damit das Kind auch ein Kinderzimmer hätte und Marco freute sich einfach, Papa zu werden. An mir zog das alles vorbei wie ein Film, während in meinem Herzen der erste Zweifel wuchs: Ich hatte Träume, wollte mein Leben dem Schreiben widmen und damit zumindest genug verdienen, dass Marco mich nicht würde aushalten müssen. Aber ein Kind würde das alles über den Haufen werfen. Wenn ich nun Mutter werden würde, wäre mein Leben vorbei. Ich würde für mein Kind leben und wenn es seine eigenen Wege ginge, würde all das mit ihm gehen, wofür ich mindestens achtzehn Jahre gelebt haben würde. Und was käme danach? Ich hatte Angst vor der Aufgabe meiner Träume und vor dem Loch, das der Auszug meines Kindes in mein Leben bohren würde.
Ich weinte viel, in dieser Zeit, während alle anderen versuchten, mich von der einen oder anderen Entscheidung zu überzeugen suchten. Direkt darauf angesprochen meinte Marco, er habe etwas gegen Abbrüche, würde aber trotzdem in jedem Falle hinter mir stehen. Doch bei allem Hinter-mir-stehen und Mich-unterstützen war ich trotzdem allein. Ich musste meine Entscheidung ganz allein treffen und würde ganz allein die Konsequenzen tragen müssen.
Ich ließ mir viel Zeit mit meiner Entscheidung und so war ich bereits in der zwölften Woche, als ich mich zur Voruntersuchung nach Bad Langensalza aufmachte. Ich hatte mich gegen die Frauenklinik in Mühlhausen (wo ich wohnte) und für Langensalza entschieden, weil die Schwester vom Freund meiner Mutter in unserer Frauenklinik arbeitete und ich keine Lust hatte, dass meine Schwangerschaft in seiner Familie die Runde machte, denn ich war mir sicher, dass es dann bald halb Mühlhausen wissen würde. Ich war jedoch der Meinung, dass das nur mich etwas anging und dass es nur die Leute wissen sollten, denen ich es erzählen wollte.
Ich hatte noch immer den Ausbruch (in Tränen) meines Verlobten in den Ohren, dem ich zwei Tage zuvor bei unserem allabendlichen Telefonat gestanden hatte, dass ich das Kind nicht bekommen würde. Auf dem Monitor sah ich zum zweiten Mal mein Baby – ein großer Fehler. Ich hätte nicht hinsehen sollen, denn nun verbrachte ich fast das Ganze darauffolgende Wochenende mit Weinen. Marco nutzte das wiederum, um mich davon zu überzeugen, das Baby doch zu behalten.
Zwei Tage vor dem Eingriff bat ich ihn, am nächsten Abend zu mir zu kommen, damit er sich von unserem Baby verabschieden könnte. Er bat mich darum, mich auch ins Krankenhaus begleiten zu dürfen. Da er mir versicherte, er akzeptiere endlich meine Entscheidung, erlaubte ich es ihm unter der Bedingung, er dürfe mich mit keinem Wort und keiner Geste auch nur ansatzweise darauf hinweisen, dass meine Entscheidung vielleicht falsch sein könnte. Ansonsten müsse er sofort gehen. Meine Mutter hielt das zwar für keine gute Idee, aber es war mir wichtig, dass er bei mir war.
Bis ich an meinem letzten Abend als werdende Mutter einschlief, hoffte ich, ich würde einfach eine Fehlgeburt haben, damit ich mein Baby nicht umbringen müsste. Doch dieser Wunsch wurde nicht erfüllt.
Am Tag des Eingriffs – am 16. Juli 2008 – war ich ganz ruhig. Keine Nervosität, keine Angst, keinbe Trauer. Nur ein unstillbarer Hunger erinnerte mich nach dem Eingriff daran, dass etwas in mir fehlte. Mein Körper suchte nach einer „Ersatzfüllung“. In wenigen Tagen nahm ich mindestens fünf Kilo zu – wahrscheinlich eher das Doppelte.
Nach dem Eingriff selbst überkam mich die Trauer erst abends, nachdem Marco nach Hause gefahren war. Es war, als würde sich plötzlich der Boden unter mir öffnen und ich in ein tiefes Loch aus Schmerz fallen. Meine Mutter versuchte, mich zu bestätigen, aber ich brauchte keine guten Worte, sondern Arme, die mich hielten, damit ich nicht noch weiter fiel.
Darum rede ich nicht mehr mit meiner Mutter über mein Baby. Sie versteht nicht, dass Worte nicht mal zweitweise meinen Schmerz lindern können.
Ich werde noch sehr lange Tränen vergießen, möglicherweise mein Leben lang. Aber ich weiß, dass ich irgendwann meine kleine Evaine oder meinen kleinen Hiro wedersehen werde, aber ob das Kind, das dann vor mir steht auch noch mein Kind sein will? – Ich weiß es nicht.
„... dieses weiße Papier, das kein Ende nehmen will, brennt einem die Augen aus und darum schreibt man.“
(Franz Kafka, Brief an Milena Jesenská vom 31. Mai 1920)
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Re: Meine schwerste Entscheidung

Beitragvon snowy » 13. Apr 2010, 15:26

Hallo Aericura ,
Deine Geschichte hat mich tief bewegt!
Liebe Grüße und ein ganz herzliche Umarmung
Snowy
Schreiben ist ein Spiel,mein Lieblingsspiel!
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Re: Meine schwerste Entscheidung

Beitragvon Dragonheart-Sam » 25. Aug 2010, 10:04

Ein sehr tiefgründiger Einblick in dein Leben.
Du hast das wirklich "wunderschön", treffend und vor allem bewegend geschrieben.
In dieser Zeit hast du eine der schwersten Entscheidungen treffen müssen, obwohl du noch so jung warst und bist.
Danke! :lieblich:

Glg Dragon
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Re: Meine schwerste Entscheidung

Beitragvon Aylen » 26. Aug 2010, 15:13

Das arme Baby :weinen: Wieso hast du es nicht zur Adoption freigegeben? Ich kann so etwas nicht verstehen... möchte aber auch nicht urteilen... dennoch.. es war ein Leben.. das Leben verdient hatte...hier kann und werde ich weder deine Entscheidung noch dein Tun respektieren... meiner Meinung nach das schlimmste das man tun kann! :evil: :evil: :evil:
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