Redula mit der Schmusedecke

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Redula mit der Schmusedecke

Beitragvon Aericura » 9. Apr 2013, 14:46

Ich weiß nicht, ob ihr die Seite fanfiktion.de kennt, aber dort erfreut sich das 120er Projekt großer Beliebtheit. Es ist eine Liste von 120 Begriffen und zu jedem davon soll ein Text geschrieben werden. Ich habe inzwischen ebenfalls mit diesem Projekt begonnen und dachte mir, dass speziell dieser Text euch vielleicht gefallen könnte. Es ist der Text zu Begriff Nummer 67 "security blanket" (Schmusedecke). Viel Spaß dabei!

„Redula!“
Ich fuhr herum. Wer brüllte denn hier so herum? Bereits im nächsten Moment wuselte ein großes, schwarzes, haariges Etwas um mich herum. Ich dachte erst, es wäre ein Hund, der sich da an meine Beine schmiegte. Dann machte ich schreiend einen Satz zurück. Dieses Etwas war kein Hund, sondern eine riesige schwarze Spinne! Ich hatte diese Biester schon immer gehasst.
„Redula“, erklang erneut der Ruf. Dann zog ein Mann die Spinne von mir weg. Die ging dazu über, sich stattdessen an seine Beine zu drücken. Ich starrte das Monstrum an.
„Tut mir Leid“, sagte der Mann, „sie ist ziemlich verschmust und ein bisschen penetrant.“
„Ein bisschen“ sagte ich trocken.
„Sie meint es wirklich nicht böse“, fügte er hinzu.
Ich schluckte schwer und nickte mechanisch. Mein Blick blieb auf die Spinne gerichtet.
„Sie ist wirklich nicht gefährlich“, meinte er, „du kannst sie streicheln.“
„Nee, nee, du. Lass mal“, erwiderte ich hastig und wich ein paar Schritte zurück, „ich hab's nicht so mit Spinnen.“
„Du musst wirklich keine Angst vor ihr haben“, sagte er.
„Ich hab keine Angst“, widersprach ich, „ich mag diese Biester nur nicht.“
„Redula ist kein Biest. Und wenn du keine Angst hast, kannst du sie auch streicheln.“
„Das Ding heißt Redula“, fragte ich und schauderte.
Der Klang ihres Namens veranlasste Redula, wieder zu mir zu laufen und sich an meine Beine zu schmiegen. Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Du HAST Angst“, stelle er fest und setzte seinen Rucksack ab.
„Nimm sie einfach nur weg“, sagte ich und stellte fest, dass meine Stimme furchtbar dünn klang.
„Gib ihr die. Das sollte sie beruhigen“, sagte er und zog etwas aus seinem Rucksack, „ihre Schmusedecke.“
Mit zitternder Hand nahm ich die Fleecedecke entgegen. Darauf waren etliche Flecken, über die ich lieber nicht nachdenken wollte. Trotzdem kam mir das Wort 'Verdauungsflüssigkeit' in den Sinn. Vorsichtig hielt ich Redula die Decke vor das, was ich anhand der glänzenden Punkte als ihren Kopf identifizierte. Sie griff mit ihren Kauwerkzeugen danach und ich ließ los. Sie ließ von mir ab. Stattdessen rieb sie sich nun an der Fleecedecke.
„Besser“, fragte der Mann.
Ich nickte.
„Du solltest sie wirklich mal streicheln. Es würde dir helfen, deine Angst zu überwinden“, meinte er.
„Nein“, sagte ich und schüttelte heftig den Kopf, „ich werde jetzt nach Hause gehen!“
Mit diesen Worten fuhr ich herum und schritt eilig in Richtung der nächsten Bushaltestelle davon.
'Bloß nicht rennen', sagte ich mir, 'ich fliehe nicht.'
Aber ich glaubte mir nicht. Ich wusste, dass ich vor diesem Mann und vor allem vor seiner Spinne floh.
Zu Hause stellte ich mich erstmal unter die Dusche. Normalerweise genoss ich das Prasseln der Wassertropfen auf meiner Haut. Doch diesmal erinnerte es mich an das Trippeln hunderter kleiner Beine. Ich seifte mich gar nicht erst ein. Ich sprang einfach aus der Dusche und trocknete mich ab. Meine Haut war krebsrot von der Reibung, als das Kribbeln endlich nachließ. Vorerst. Immer wieder befiel mich dieses Gefühl.
'Das Biest hat Flöhe', sagte ich mir. Doch wieder glaubte ich mir nicht. Ich wusste, dass das eine rein psychische Reaktion war. Ich hatte einen Horror vor dieser Riesenspinne.
Nachts träumte ich von tausenden Spinnen, die über mich drüber krabbelten. Es wurden immer mehr. Sie schienen mich zu ersticken...

Und jetzt stehe ich hier. An der Stelle, an der ich gestern Redula und ihrem Herrchen begegnet bin. Ich muss diese Spinne anfassen! Die Angst überwinden! Wenn ich es nicht tue, wird mich diese Angst nie wieder loslassen!
„Hast du's dir anders überlegt“, höre ich eine Stimme von rechts.
Der Mann kommt auf mich zu geschlendert. Hinter ihm trippelt die Spinne, zwischen ihren Kauwerkzeugen trägt sie die fleckige Fleecedecke, die zwischen ihren Beinen über den Boden schleift.
Er bleibt vor mir stehen und sieht mich erwartungsvoll an. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Dann nicke ich. Als ich die ''Augen wieder öffne, lächelt der Mann.
Zögernd trete ich an die Spinne – Redula – heran. Sie reicht mir kaum bis zu den Knien. Doch ihre Größe mitsamt den Beinen kann ich mit beiden Armen nur andeuten. Mir fällt auf, dass ich keuche und ich zwinge mich, langsamer zu atmen. Vorsichtig strecke ich eine zitternde Hand aus. Redula scheint zu bemerken, was ich vorhabe und streckt sich mir entgegen.
Vorsichtig berühre ich den massigen Leib der Spinne. Sie fühle sich gar nicht so an, wie ich gedacht habe. Kein bisschen schleimig. Sie hat auch keine Dreckklumpen oder wimmelnden Tiere im Fell. Sie klebt nichtmal. Das Fell dieser Spinne ist rau, fühlt sich aber nicht unangenehmen an. Vorsichtig bewege ich meine Hand. Es ist gar nicht so schlimm. Langsam gehe ich vom Tasten zum Streicheln über. Redula schmiegt sich an meine Beine. Es ist längst nicht mehr so beängstigend wie gestern.
„Ist doch gar nicht so schlimm, oder“, fragt der Mann und ich nicke. Sprachlos. Atemlos.
„Wir müssen gehen“, sagt der Mann, „wir haben heute noch viel vor. Komm, Redula!“
Redula löst sich von mir und huscht hinter dem Mann um die nächste Ecke. Ich seufze. Irgendwie war sie ja doch ganz süß. Aber mit einer Katze oder einem Hund schmuse ich trotzdem lieber. Oder vielleicht mit einer Kuh.
Moment! Redula hat ihre Schmusedecke liegen gelassen. Ich hebe sie auf und renne zur Ecke, um sie gegangen sind. Aber sie sind wohl längst abgebogen. Ich renne die Straße entlang und spähe um jede Ecke. Keine Spur von ihnen.
„Redula“, rufe ich, doch Redula kommt nicht.
Es scheint auch niemand den Mann mit der Riesenspinne gesehen zu haben. Aber sowas fällt doch auf!
Redula und der Mann bleiben verschwunden. Nur Redulas Schmusedecke bleibt mir als Beweis dafür, dass sie wirklich da waren. Ich werde sie für sie aufbewahren. Vielleicht sehe ich sie ja eines Tages wieder?
„... dieses weiße Papier, das kein Ende nehmen will, brennt einem die Augen aus und darum schreibt man.“
(Franz Kafka, Brief an Milena Jesenská vom 31. Mai 1920)
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