Immernoch kaputt

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Immernoch kaputt

Beitragvon Aericura » 12. Jul 2010, 19:01

Der folgende Text ist ein Tagebuchauszug vom 5.2.2009, noch bevor ich zur Berufsberatung gegangen bin.

Mein Leben scheint vom Tod beherrscht.........
Jahrelanger Todeswunsch, dann musste ich selbst eine Entscheidung über Leben und Tod treffen. Jetzt denke ich darüber nach, mit dem Tod zu arbeiten. Aber das Wichtigste: Mein Leben ist wie der Tod. Alles stagniert. Nichts tut sich. Totaler Stillstand...

Ob mir die Motivation fehlt? Der Antrieb? Ja, natürlich. Wenn ich sowas hätte, ginge es ja vorwärts. Ich denke nicht wirklich über meine Zukunft nach. Ich habe Ideen, die sich an mir festbeißen und die dann meine Ausrede sind, dass ich weiß, was ich mit meinem Leben anfangen will. Und das sind sie, bis ich es müde bin, ständig zu erzählen, dass ich ein Ziel hab, das in Wirklichkeit nicht existiert...
Es gibt nur eins, das ich in meinem Leben erreichen will. Aber ich habe Angst davor. Was soll ich tun, wenn mein Traum wahr ist? Was mache ich danach? Es kann Jahre, Jahrzehnte dauern, bis ich von meinem Traum leben kann... Wenn er überhaupt jemals wahr wird.
Wahrscheinlich bewundere ich Kafka deswegen so sehr: Wir beide sind Kreaturen, die nicht mit ihrem Leben klar kommen. Und wir beide schreiben... Aber er ist heute ein ganz großer. Ich weiß nicht, ob das irgendwann mal jemand von mir sagen wird. Ich werde es wahrscheinlich nicht erleben.

Was glaubt meine Mutter damit zu bewirken, wenn sie mir sagt, dass ich etwas aus meinem Leben machen soll? Ich weiß es selbst, aber die Zeit, in der mich das noch stört, habe ich längst hinter mir. Sie geht mir einfach nur auf die Ketten. Unnötig, zu erwähnen, dass sich das kontraproduktiv auf meinen Gesamtzustand auswirkt. Je mehr sie redet, desto mehr versinke ich in Lethargie und Resignation.
Ob ich mir mal Gedanken gemacht habe, wie mein Leben aussehen soll? Ja, unzählige Male. Ich schreibe meine Bücher und lebe davon glücklich und zufrieden bis ans Ende meiner Tage. Ja, ich bin ein Träumer. Ich lebe durch meine Träume..... Und anscheinend noch immer darin.

Ich will mich eigentlich gar nicht beschweren. Ich habe eine Familie, die mir auf die Nerven geht und Eltern, die sich notfalls jeden Cent vom Munde absparen würden, wenn das Geld mich auf meinem Lebensweg (Sprich: Ausbildung oder Studium) voranbringt. Außerdem habe ich einen Verlobten, der mich liebt, wie ich bin... Und mir trotzdem das Schlimmste sagt, was ein Mann zu einer Frau sagen kann: Dass er mich so dick nicht mehr attraktiv findet... Normalerweise Hört der Mann auf, seine Frau attraktiv zu finden, wenn sie jahrelang verheiratet sind. Wir waren gerade mal ein Jahr zusammen, als er mir das gesagt hat... Und das ist jetzt 5 Monate her...

Ich glaube gerne, dass ich die Zeit, in der es mir schlecht ging, hinter mir hab. Dass ich wieder ganz bin, aber in den Tiefen meiner Seele bin ich noch immer ziemlich kaputt... Hat jemand Klebestreifen für mich?

Hallo?

Stille... Allein... Wie immer... Wie mein ganzes Leben lang... Selbst in vollen Räumen bin ich allein. Darum gehe ich nicht mehr unter Leute: Das Alleinsein ist leichter zu ertragen, wenn niemand dabei ist.
Vielleicht bin ich selber schuld? In der Zeit, als ich eigentlich in der Schule durch meine Klassenkameraden den Umgang mit Anderen lernen sollte, habe ich mich abgekapselt. In 20 Jahren erinnert sich keiner mehr an mein Gesicht. Sie sehen nur ein Mädchen, das sich hinter einem Buch versteckt. Sie wissen nicht warum und es interessiert sie wahrscheinlich auch nicht. Sie hatten damals ihre eigenen Freunde, haben sie auch heute und werden sie immer haben. Ich hingegen kenne die meisten Leute nur virtuell. Es ist leichter, wenn sie mich nicht sehen... Nicht hören... Nicht spüren, wie meine Hände zittern... Nicht merken, wie gerne ich fliehen will.

Es gibt für mich nichts mehr zu bereuen. Denn nichts fällt mehr auf, in der Langen Reihe von Dingen, die ich bereue... Angefangen mit meiner Geburt über jeden einzelnen Atemzug bis hin zu diesem Text... Aber ich muss ihn schreiben... Muss loswerden, was mir auf der Seele brennt. Denn der Schmerz reißt ein Loch in meine Seele. Das Loch frisst mich innerlich auf. Es ist ein schwarzes Loch. Und es wird mich verschlingen, wenn ich nichts dagegen tu! Schreiben ist das einzige, was mich erleichtert, was den Schmerz lindert, das Loch schließt...

Vielleicht werde ich morgen von einem Bus überrollt? Warum nicht? Wenn ich tot bin, stört es mich nicht mehr. Hoffentlich hat man den Platz in der Hölle, den ich mir schon vor Jahren reserviert habe, noch nicht anderweitig vergeben, denn das Schlimmste wäre, wenn ich zu einem weiteren Leben gezwungen würde... Keine Hölle reicht da ran...
„... dieses weiße Papier, das kein Ende nehmen will, brennt einem die Augen aus und darum schreibt man.“
(Franz Kafka, Brief an Milena Jesenská vom 31. Mai 1920)
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Re: Immernoch kaputt

Beitragvon Bendig » 12. Jul 2010, 23:58

Das Leben ist viel zu interessant um zu resignieren oder sich mit schwarzen Gedanken zu belasten. Selbst ich in meinem Alter entdecke jeden Tag was Neues. Ich hoffe, ich werde 100 Jahre alt :-).
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Re: Immernoch kaputt

Beitragvon Aericura » 13. Jul 2010, 08:03

Zu der Zeit gings mir ganz schön schlecht... Offiziell hatte ich zwar meine "schlimme Phase" hinter mir, aber irgendwie doch nicht... Es wurde dann besser, als ich angefangen hab, zu studieren. Ich kann mich jetzt mit Menschen in einem Raum aufhalten, ohne fliehen zu wollen und nur schweigsam daneben zu stehen! Und ich hab Freunde gefunden - einfach so, indem ich mich in der Realität mit ihnen unterhalten habe! Kuhl, ne? Bin auch ganz dolle Stolz auf mich! XD
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Re: Immernoch kaputt

Beitragvon Lantaris » 13. Jul 2010, 08:54

Schlimm wenn Menschen in so jungen Jahren schon so düsteren Gedanken nachgehen, aber noch viel schöner, dass du wieder auf den richtigen Weg gefunden hast und es dir besser geht :D denn was wäre wohl das Schreibstübchen ohne unsere Aericura ;)
Ich hatte selber auch so eine Phase in meinen jungen Jahren wo mir das Thema "Selbstmord" tagtäglich durch den Kopf ging, seltsamerweise geht das vielen Jugendlichen/Teenagern so. Vielleicht ist das ja so eine Art Ritual das man durchleben/erfahren muss, um zum Erwachsenen zu werden ... obwohl ich sagen muss, richtig "erwachsen" bin ich immer noch nicht :roll:
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Re: Immernoch kaputt

Beitragvon Aericura » 13. Jul 2010, 09:02

Wär ja schlimm, wenn jeder erwachsen werden müsste! Ich bleib auch immer Kind! Nennt mich Petra Pan! ;)
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Re: Immernoch kaputt

Beitragvon Lost Empathy » 9. Mai 2012, 16:52

Oh mann, wie gut ich dich verstehen kann.

Und ja, den Klebestreifen hab ich für dich - ist eher eine ganze Rolle Panzerklebeband.
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