Ein Engel auf Urlaub - eine Fabel

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Ein Engel auf Urlaub - eine Fabel

Beitragvon Lost Empathy » 8. Mai 2012, 15:39

Ein Engel auf Urlaub

Lasst euch einfach die Geschichte eines Engels erzählen.
Es saß einmal ein Engel auf einer Wolke und lauschte den Vögeln,
die unten auf der Erde ihren lieblichen Gesang hören ließen. Er sah
aus, so wie man sich Engel so vorstellt - mit Flügeln und mit einem
weißen Hemdchen bekleidet. Sein Gesicht glich dem eines kleinen Knaben,
dennoch strahlt er etwas weises und beruhigendes aus. Seine Augen besaßen
eine Aura aus Liebe, Vergebung und Freude, die er auf alles und jeden übertrug.

Laut Urlaubsplan war nun er endlich dran Urlaub zu machen - diesmal mit dem Ziel
Erde, um sich dort einmal umzusehen. Er glaubte, wo Vögel so schön zwitschern und
die Sonne so schön strahlt, könne es doch nicht schlecht sein. Er ging noch schnell zu
seinem Boss um ihm Tschüss zu sagen, nahm sich seine nette Panflöte und flog dann
mit seinen kleinen Flügelchen los.
Ihm gefiel der Flug, der Wind streichelte seine zarten Wangen, die Sonne strahlte
warm und ihm ging es einfach prächtig.

Er landete einige Zeit später auf dem Platz, wo er die Vöglein so schön hat singen
hören und schaute sich erst einmal um. Er wanderte eine längere Zeit umher, roch
an Blumen, erfreute sich am Gesang der Vögel und dem Zirpen der Grillen im Gras.
So schön hatte er es sich nie träumen lassen - es warfast wie im Him mel. Er wurde
müde der Wanderei und setzte sich an einen Bachlauf und genoss das plätschern des
Wassers, das jagen der Forellen und das umherschwirren der Libellen. Es dämmerte
schon und der kleine Engel wurde müde, das Moos war weich, die Nacht lau - da
beschloss er hier zu schlafen und schloss seine niedlichen Augen und träumte einen
süßen Traum.

Am nächsten Morgen beschloss der Engel zu den Menschen zu gehen um sich dort einmal
umzuschauen - Michael hatte ihm in den Dienstpausen ja die ungeheuerlichsten Dinge
erzählt - und davon wollte er sich selbst überzeugen. Er ging also Richtung Stadt.

Als erstes was er sah, als er am Stadtrand ankam, war ein Mann in zerlumpter
Kleidung, der sich gerade sein Frühstück erbettelte. Der Engel ging zu diesem
Mann und fragte ihn, warum er denn so zerlumpt aussähe. Der Mann erzählte
ihm sein Leben, wobei der kleine Engel immerfort mit dem Kopf schüttelte
und den Tränen nahe war. Als der Mann mit seiner Geschichte fertig war,
schenkte er dem Mann ein Frühstück, indem er einen Stein in ein Brot verwandelte.

Nachdem der kleine Engel ein wenig geholfen hatte, ging er weiter um noch
andere Leute kennen zu lernen. Er begegnete Leuten, die emsig hin und her
liefen und sich dabei nicht mehr als nötig anschauten. Ihm fröstelte, denn er
fand so wenig Liebe in den Herzen der Menschen die vorübereilten.

Er sah auf seinem Weg Männer, die ihre Frauen und Kinder schlugen, Armut
und die Gier der Menschen. Der Engel wurde immer ruhiger und trauriger auf
seinem Weg - das Leben der Menschen hatte er sich doch etwas anders vorgestellt.
Sie sollten doch das Ebenbild des Chefs sein - doch das Bild was sich hier ergab
sah anders aus.
Ganz in Gedanken stieß er dann gegen eine Frau, die am Rande des Gehwegs bei
einem Mann saß, der ebenso zerlumpt war, wie der Mann am Morgen. Diese Frau
drückte diesem Mann etwas essbares in die Hand und unterhielt sich mit ihm -
es sah so aus als wolle sie ihn trösten, da der Mann weinte.

Doch da war noch etwas anderes, was der kleine Engel spürte - es war nur
schwach, doch er spürte Wärme und Liebe dieser Frau.

Er ging auf die Frau zu und fragte sie, warum sie denn so etwas tun würde,
wo doch die anderen Menschen dem Bettler weh taten und an ihm vorbei
schauten. Diese Frau erzählte, dass unter den Menschen die Gier, die
Rücksichtslosigkeit und der wahre Glauben verloren gegangen sei. Niemand
sähe mehr das worauf es wirklich ankäme - und sie wolle für sich ein Zeichen
setzen und anderen Menschen helfen, wo sie könne. Sie erzählte, dass sie dies
gerne täte und das sie gerne Liebe an diejenigen verteilen wolle, die es am
dringendsten brauchen würden.
Der kleine Engel lächelte nun wieder ein kleines bisschen und freute sich,
dass es doch noch Menschen gibt, die nicht schlecht sind.

Nach einer längeren Unterhaltung zog der kleine Engel weiter seines Weges. Es
wurde langsam dunkel und er wurde müde, doch dann geschah etwas, was ihn
blutige Tränen die hübschen Wangen hinunter laufen ließ. Er sah in einer
Seitengasse einen Mann, der offenbar etwas mit einem weinenden Kind vorhatte,
was sich gegen ihn zu wehren versuchte. Der Mann griff so fest zu, dass das Kind
nicht eine Chance hatte zu entkommen.

Der Mann zerrte dem Kind die Kleidung vom Leib, vergewaltigte das Kind und
erwürgte es schließlich. Im kleinen Engel kochte der Hass über und er versuchte
den Mann bei seiner Tat zu stoppen, doch er schaffte es nicht da er klein war
und er nicht in den Lauf der Geschichte eingreifen durfte, ohne den Chef zu fragen,
doch der hatte in diesem Moment alle Hände voll zu tun und übersah die Bitte
des kleinen Engels.

Als das Kind tot war, verschwand der Mann wieder. Der kleine Engel lief zum Körper
des Kindes und sah ihm in die Augen. Entsetzt setzte sich der Engel neben das Kind
und begann bitterlich zu weinen. Zuerst liefen ihm normale Tränen die roten Bäckchen
hinunter, und je länger er weinte desto blutiger wurden sie. Mit Tränen in den
Augen beugte er sich über das tote Kind und nahm die Seele des kleinen Kindes
an die Hand.

Er hatte auf Erden Dinge gesehen, die ihn von der Schlechtigkeit der Menschen
überzeugte. Er sah Armut, Trauer, Hass, Gier und Mord - er war bitter enttäuscht
von dem Ort, von dem er glaubte, einen zweiten Garten Eden gefunden zu haben.

Doch eines gab ihm ein kleines Stück Hoffnung mit auf dem Weg zurück in den Himmel,
es gab auch noch Menschen, die Liebe, Hoffnung und Freude ganz uneigennützig schenkten
und dabei Spaß hatten. Ja - auch diese Menschen hatte er gesehen - das linderte
seinen Schmerz über das erlebte.
Er sah das Kind an, was er an der Hand hatte und sah ein Lächeln in den Augen des
Kindes. Also umarmte er das Kind und nahm es mit in den Himmel, wo es fortan an
seiner Seite blieb. Natürlich erzählte der kleine Engel seinem Chef was er erlebt
hatte und wie enttäuscht er doch war.
Der Chef bekam eine Kummerfalte auf der Stirn und schüttelte seinen Kopf verständnislos.
Was ihm in diesem Moment durch den Kopf ging?
"Komm wir essen Mutti."

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