Schmetterlinge im Bauch

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Schmetterlinge im Bauch

Beitragvon Neo-Paladin » 25. Aug 2011, 14:40

Moin! So, das ist hier mein erster Versuch, was zu posten. Die Geschichte ist schon etwas älter, hab mich wohl bis dahin auch verbessert, nichtsdestotrotz hier eine kleine Horror-Kurzgeschichte...

Schmetterlinge im Bauch

„ Na, was meinst du?“
„Hm?“ Franks Worte reißen mich aus meinen Gedanken. Ich schaue auf und folge seinem halb versteckten Fingerzeig. Er deutet auf einen der anderen Tische, an dem eine Brünette sitzt. Ich nicke. Genau sein Typ. Lange Haare, ein leicht exotisch anmutendes Gesicht mit schräggestellten Augen und ein beachtlicher Vorbau.
„ Scharf oder was?“
Ich kann mich nur mit Mühe zurückhalten, nicht mit den Augen zu rollen. Frank ist einfach unverbesserlich. Dabei hat er bereits eine Freundin, eine Tatsache, um die ich ihn zutiefst beneide.
Trotzdem meint er, die ganze Frauenwelt sei nur dazu da, für ihn zu posieren.
Naja, wir sind ja alle keine Heiligen.
Ich grunze nur kurz meine Zustimmung und wende mich dann wieder meinem Kuchen zu.
Das Essen in der Mensa ist nur eingeschränkt genießbar, aber wenigstens sind die Kuchen und Desserts anständig.
Hannes grinst. „ Du weißt dich, daß du Andy nicht stören sollst, wenn er ißt. Dann nimmt er doch nichts anderes mehr wahr.“
„ Entschuldige, daß mir mein Essen noch was bedeutet“, murmele ich, bevor ich mich erneut über die Reste vom Kuchen hermache.
„ Das sehen wir“, frotzelt Hannes, „ schließlich frißt du immer für vier.“
„ Ich brauch den Zucker“, gebe ich zurück und wundere mich, daß ich mit diesen Typen überhaupt diskutiere.
„ Was du brauchst, ist 'ne Frau. Bringt dich auf andere Gedanken als die dauernde Fresserei. Ist sowieso n Wunder, daß du nicht zunimmst....“
Frank verstummt, als ihn mein Blick trifft. Das ging unter die Gürtellinie.
Er weiß genau wie ich, daß ich in Beziehungsdingen Probleme habe. Und das liegt gewiß nicht an meinem Aussehen.
„ Sorry“, murmelt er und wendet sich dann wieder seinen Betrachtungen der Damenwelt zu.

Ich frage mich manchmal, wie Frank es schafft, sein Studium überhaupt voranzubringen. Wirklich ernsthaft sein oder sich überhaupt einmal konzentrieren bringt er nicht fertig.
So läuft das schon, seit ich ihn kenne. Ich arbeite und er versucht mich mit allen Mitteln abzulenken. Natürlich meint er es nicht böse, wir sind schließlich Freunde. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß es wirklich nicht leicht ist, zu arbeiten, wenn er direkt neben einem sitzt.
Sein dauerndes Gequassel hat ihm auch schon den einen oder anderen Rüffel von unseren Dozenten eingebracht. Nicht, daß es ihn stören würde...
Peters überhört alle Zwischenrufe geflissentlich. Er folgt dem Prinzip: „Wer nicht mitkommt, hat Pech gehabt.“
Nicht nett, aber effektiv.
Zur Zeit wirft er mit dem Projektor ein komplexes Diagramm an die Wand. Es geht um Ökosysteme.
Während ich mich bemühe, das Diagramm möglichst genau abzuzeichnen, hat Frank nichts besseres zu tun, als über Peters' Kleidung zu lästern.
Innerlich rolle ich mit den Augen. Gut, die Krawatte des Mannes läßt Rückschlüsse auf seine letzten drei Mittagessen zu, gut, die Schuhe haben auch bessere Jahre gesehen...aber ganz ehrlich, wer von uns geht denn als normal durch? Also, ich bin der letzte, der in dieser Hinsicht Urteile fällt.
Gerade werfe ich den Blick wieder nach vorn und bekomme mit, daß aus einer der vorderen Reihen eine Blonde in meine Richtung sieht. Ein Lächeln verziert ihr hübsches Gesicht.
Ich schaue mich unauffällig um, versuche, herauszufinden, ob sie jemanden in meiner Nähe angesehen hat. Niemand scheint zu reagieren. Der Blick und das Lächeln haben mir gegolten.
Zum Glück erröte ich nie. Aber dennoch spüre ich da dieses gewisse Kribbeln in der Magengegend, eine Empfindung, die ich schnell zu unterdrücken versuche.
Es wird sowieso nichts werden, wie all die Male zuvor.
Schnell wende ich den Blick wieder in Richtung der Projektion, bevor Frank auf die Frau aufmerksam wird. Ansonsten muß ich mir vermutlich wieder dämliche Sprüche anhören.
Dennoch bleibt mir dieses Gesicht im Gedächtnis haften.
Und das Kribbeln verläßt mich nicht, so sehr ich meinen Körper auch zur Ordnung rufe. Ebensowenig wie dieses verfluchte Summen...

Später sitzen wir noch zusammen in unserer Stammkneipe. Fünf Leute, die sich schon seit Ewigkeiten zu kennen scheinen, auch wenn diese Ewigkeit erst zwei oder drei Jahre beträgt.
Wir sind allesamt Originale und unterscheiden uns teilweise so stark voneinenander, daß es schon ein Wunder ist, daß wir so enge Freunde werden konnten.
Eigentlich bin nur ich es, der sich über so etwas wundert.
Insbesondere erscheint es mir bittere Ironie, daß ich mit diesen Leuten so gut zurechtkomme, wenn ich doch bei Frauen so große Probleme habe.
Aber bei den Frauen geht es auch um andere Dinge. Dinge, die man nicht so einfach ignorieren oder hinwegreden kann.
Aber für solche Trübsinnigkeit ist hier kein Platz. Dann riskiert man nur einen Aufmunterungsversuch der Anderen. Die sind dann oft auch die Einzigen, die sich hinterher noch besser fühlen.
„ Und, Leute, wie siehts aus? Wollen wir noch bei mir vorbeischauen? Ich hab noch ein bißchen was da...“
Henning braucht nicht weiterzusprechen und tut es auch nicht.
„ Muß morgen früh fit sein“, murmelt Hannes und auch Frank verneint. Ben scheint interessiert, während meine Stimme nicht gefragt ist.
Ich vertrage das Zeug nicht. Normalerweise wird man davon lethargisch. Nur bei mir ruft der Rauch ein unangenehmes Kribbeln hervor, schlimm genug, daß ich aus dem Raum muß, um mich zu beruhigen, bevor noch ein Unglück passiert.
Deswegen klinke ich mich grundsätzlich aus, wenn wir uns bei Henning treffen sollen. Aus der Wohnung geht der Rauch nie mehr raus.
So wie ich esse, so kifft der Mann. Und dabei würde man ihm das nicht einmal ansehen. Studiert BWL, trägt die Haare kurz und ist nie nachlässig gekleidet. Der Musterstudent, wie ihn sich jede Uni wünschen würde.
Nun, da Hennings Idee einstimmig abgelehnt ist, zuckt er die Achseln und wendet sich wieder seinem Bier zu, während Hannes in seiner Jacke kramt und etwas auf einen Zettel kritzelt.
Frank räuspert sich und Hannes steckt den Zettel mit einer Grimasse wieder weg.
Aha, denke ich bei mir, einer seiner zahlreichen Spickzettel.
Es ist ein unausgesprochenes Gebot, daß hier nicht über die Uni geredet wird. Zumindest nicht in irgendeiner ernsthaften Form. Den Streß hat man tagsüber schon genug.
Gleiches gilt fürs Lernen.
Frank hat sich zum Wächter über dieses Gesetz auserkoren, was ihn allerdings nicht daran hindert, seine Aufmerksamkeit auf den gesamten Raum und natürlich die weiblichen Anwesenden auszuweiten.
Er kommt immer ohne Anhang hierher. Ich glaube, Eva, seine Freundin, mag uns nicht besonders.
Mir solls recht sein, bleibt mein Neid schön da, wo er hingehört.
Wir reden noch eine ganze Weile über Belanglosigkeiten, darüber, daß das Essen in der Mensa dauernd mieser wird, daß wir dringend nochmal zusammen an den Strand müssen, bevor das Wetter umschlägt und daß wir demnächst grillen wollen.
Der einzige, der sich dabei weniger enthusiastisch zeigt, ist Ben.
„ Muß auf mein Gewicht achten“, gibt er als Begründung an.
Meine Güte, der Typ sieht aus wie ein Strich in der Landschaft. Wenn er auch nur ein einziges Pfund abnähme, wär nichts mehr von ihm übrig.
Mit einem amüsierten Kopfschütteln kippe ich den restlichen Inhalt meines Glases hinunter.
Ich bin der einzige, der kein Bier trinkt. Im Grunde bin ich gezwungen, lasterfrei zu leben.
Alkohol stellt bei mir ziemlich unangenehme Dinge an, wenn er unten ankommt. Und damit meine ich nicht Trunkenheit.
Als ich das Glas wieder absetze, fällt mein Blick auf die Eingangstür und ich muß mich bemühen, mich nicht zu verschlucken.
Im Eingang steht sie.
Das gedämpfte Licht um sie herum läßt sie irgendwie strahlender wirken.
Sie sieht sich um und ich bemühe mich, den Blick rechtzeitig zu senken.
Ich fühle mich wie ein Schuljunge, aber ich kann nichts dagegen unternehmen.
Angst kann verdammt übermächtig sein.
Ich reagiere natürlich zu spät und ihr Blick nagelt meinen fest. Spätestens jetzt weiß ich, daß ihr Lächeln heute mir gegolten hat, denn sie zeigt es erneut.
Jetzt wegzuschauen wäre peinlich, bleibt mir also nichts anderes üblich, als ihrem Blick standzuhalten. Und während sich meine Lippen wie von selbst zu einem Lächeln verziehen, von dem ich hoffe, daß es nicht halb so gequält aussieht, wie es sich anfühlt, spüre ich wieder dieses Glattern und Kribbeln in meiner Magengrube, so als sei dort unten alles in Bewegung geraten, könne sich nur nicht auf eine Richtung einigen.
Das Gebrabbel der anderen tritt in den Hintergrund, während wir uns ansehen. Sie zieht die Brauen hoch und neigt den Kopf leicht zur Seite. Die Einladung ist so offensichtlich wie unwiderstehlich.
Ich kämpfe für einen quälend langen Moment mit mir selbst. So ziemlich alles von der Brust abwärts will aufstehen und zu ihr gehen, in der geistlosen Hoffnung, daß es diesmal anders sein wird, daß wir uns vielleicht ergänzen, daß es keine Tränen geben wird...Aber es siegt der Kopf. Der Entschluß ist schmerzhaft, aber nötig. Das weiß ich.
So bleibe ich sitzen, bis sie wegsieht.
„ Andy? Hallo? Noch unter den Lebenden?“ höre ich Ben und wende mich zu ihm um. Er hat ein Bündel Karten in der Hand und ist bereits am Mischen.
Während langsam wieder die Umgebung in den Fokus meiner Aufmerksamkeit rückt, verfluche und lobe ich mich zugleich.
„ Bin eingeschlafen. Kein Wunder, so langsam wie du mischst“, gebe ich zurück, auch wenn meine Stimme in meinen Ohren kraftlos klingt.
Aus den Augenwinkeln werfe ich noch einmal einen Blick zu ihr. Niemand mehr da, nur eine Gruppe anderer Studenten. Vertan.

Oder auch nicht, wie sich am nächsten Morgen herausstellt.
Sie erwartet mich vor dem Hörsaal. Komisch, ich hab sie vorher bei den Vorlesungen nie bemerkt.
Erneut nagelt mich dieses Lächeln fest, läßt mir keinen Ausweg.
„ Morgen“, sagte sie fröhlich.
„ Morgen“, murmele ich, meine Unsicherheit niederkämpfend. Man muß sich ja nicht vor allen Leuten hier zum Deppen machen. Dafür gibt’s Leute wie Frank.
„ Tut mir leid, wenn ich dich gestern abend überrumpelt habe“, meint sie, während ihre Augen den Blickkontakt suchen.
„ Nein, hast du nicht“, gebe ich zurück und schaffe es, nicht zu stammeln. Sie hat gestern nicht wirklich viel getan außer mich anzusehen. Warum entschuldigt sie sich dafür?
Ich kenne die Antwort eigentlich schon. Ein Vorwand, um ein Gespräch zu beginnen. Sie ist wirklich interessiert. Verdammt.
„ Wollte dir auch eigentlich nur ein Bier ausgeben.“
Ein Ausweg! Eine Möglichkeit, dieses Gespräch zu führen, ohne ins Fettnäpfchen zu treten. Dafür bin ich ihr beinahe dankbar.
„ Ich trinke nicht“, sage ich, „ ich meine...ich trinke keinen Alkohol. Vertrag das Zeug nicht.“
Sie nickt und ihr Lächeln scheint sich noch zu vertiefen.
„ Das macht schon zwei“, meint sie dann und ich kann regelrecht spüren, wie es in meier Magengrube wieder zu flattern anfängt.
Sollte sie die richtige sein? Sicher, manche fänden es albern, daß ich mir wegen so etwas Hoffnungen mache. Aber „manche“ sind nicht ich.
Wir haben alle unser eigenes Kreuz zu tragen.
„ Eigentlich war ich auch nur da, um mich mit einer Freundin zu treffen. Dich dort zu sehen war mehr ein Bonus.“
In diesem Moment sehe ich die abgewetzte Lederjacke von Frank zwischen den drängelnden Studenten. Er winkt mir zu.
„ Ich glaub, wir sollten rein“, sage ich und sehe sie nicken.
Dann grinst sie plötzlich. „ Ich bin ja ziemlich mutig...“
„ Wieso?“ Mit dieser Bemerkung habe ich nicht gerechnet.
„ Naja, du bist ein völlig Fremder. Und ich glaube, das gilt für mich auch.“
Es fällt mir erst jetzt auf. Ich kenne noch nicht einmal ihren Namen.
„ Nina“, meint sie schlicht und hält mir mit ernster Miene ihre Hand in. Diese Förmlichkeit bringt mich zum Grinsen.
„ Andreas. Oder Andy“, erwidere ich und ergreife ihre Hand.
Ein Kitzeln durchfährt meine Handfläche, gefolgt von einer Empfindung, die ich nur als Verbundenheit bezeichnen kann.. Ich kann nur mit Mühe an mich halten. Sollte es sein....?
Darf ich wirklich hoffen...?
Ich sehe ihr in die Augen. Sie blitzen vor Freude. Ihr scheint es ähnlich zu ergehen wie mir.
„ Sag mal, schlägst du hier draußen Wurzeln?“ höre ich Franks Stimme. Die Stimmung ist hin.
Er ist mein bester Freund, aber im Moment hätte ich nicht übel Lust, ihn über das nächste Geländer zu schmeißen.
„ Oh...“, meint er dann, als Nina ihm den Blick zuwendet, „ hallo.“
„ Hallo“, meint sie knapp, wobei ihre Stimme leicht säuerlich klingt.
Wir stehen noch einen Moment in dieser unbequemen Stille, bevor wir fast unisono umdrehen und in den Hörsaal treten.
Ich suche noch einmal Ninas Blick. Ihr Lächeln sagt mir, daß wir uns bestimmt bald wieder über den Weg laufen.
Kaum, daß sie außer Hörweite ist, muß Frank einfach fragen:„ Wer war denn die?“
Ich zucke die Achseln. „ Man wird sehen. Bestimmt wüßte ich mehr, wenn du nicht dazwischengekommen wärst.“
Frank wirft mir einen säuerlichen Blick zu. Ich grinse. Die Zweifel beginnen langsam zu schwinden.
Vielleicht ist Einsamkeit doch nicht mein Schicksal.

Frank kann natürlich nicht anders als den anderen brühwarm von meiner Bekanntschaft zu erzählen.
Das war zu erwarten gewesen.
„ Und wie heißt die Glückliche?“
Ben spricht das letzte Wort deutlich betont aus, während er mit den Händen Anführungszeichen setzt.
„ Nina. Und seit wann ist es schon eine Beziehung, wenn man sich ein oder zweimal über den Weg läuft?“
Ben grinst. „ Meine Welt dreht sich halt anders. Außerdem können wir alle sehen, wie zappelig du geworden bist, seit Frank damit angefangen hat.“
„ In deiner Welt will auch sonst keiner leben“, gebe ich zurück. Uninspiriert, aber immerhin kann ich so das Gespräch abwürgen.
Und die Tatsache überspielen, daß er Recht hat. Mein Geist und Körper sind in Aufruhr. Doch es sind immer weniger Zweifel, die mich plagen. Auch wenn mein Verstand noch immer Einwände erhebt, der Rest meines Körpers ist mehr und mehr überzeugt, daß sie die Richtige ist.
Aber das ist etwas, über das ich nicht sprechen kann. Zumindest nicht mit meinen Freunden. Vielleicht mit Nina. Vielleicht, wenn sie wirklich das ist, wofür ich sie halte. Ein bißchen zuviel vielleicht, um sich wirklich gut dabei zu fühlen.
Wenigstens leidet mein Appetit nicht.
„ Kleiner Tipp...laß nicht zu, daß sie dich je beim Essen sieht“, meint Frank, gerade, als ich – in der Hoffnung, das Thema für den Moment überwunden zu haben - mich wieder dem Milchreis zuwende.
Allerdings nicht für lange.
„ Guten Appetit“, höre ich eine nun bekannte Stimme nicht unweit vom Tisch.
Ich sehe auf und erblicke Nina ein paar Tische weiter. Sie ist dabei, sich zu setzen, eine Schüssel Milchreis in den Händen.
„ Zu spät“, sage ich, halb Frank zugewandt, „ können wir uns jetzt vielleicht über was anderes unterhalten?“
Meine Stimme klingt schärfer als gewöhnlich, aber ich möchte das Thema jetzt einfach beenden. Als ob mir diese Sache nicht so schon genug Kopfzerbrechen und Nervenflattern bescheren würde.
In meiner Bauchgegend ist bereits wieder die Hölle los. Und ja, das Summen ist auch wieder da.

Das ändert sich auch über die nächsten Tage nicht. Es wird zunehmend deutlich, daß es Nina durchaus ernst ist. Zwar habe ich nicht das Gefühl, sie liefe mir nach, aber es ist überaus auffällig, wie oft wir uns „zufällig“ über den Weg laufen.
Mit jedem Lächeln und mit jedem Blick schwinden meine Vorbehalte. So berechtigt sie auch sein mögen, ich beachte sie kaum noch. Mir ist noch immer bewußt, wie gering die Chancen sind, daß sie die Richtige ist. Ich weiß auch, daß die Konsequenzen schwerwiegend und schmerzhaft sein werden, sollte ich mich irren.
Aber all dies sagt mir mein Verstand. Und mein Verstand wird immer, wenn ich sie sehe, weit in den Hintergrund geschoben.
Andere Teile meines Körpers haben zur Zeit die Mehrheit, was Entscheidungen angeht.
Nina hatte daran auch ihren Anteil, soviel steht fest.
Sie scheint genau zu wissen, wie sie meine Zweifel zerstreuen kann. Wie sie sich in meinen Gedanken festsetzt und sich nicht vertreiben läßt.
Und so ganz gegen meinen Willen geschieht es schließlich auch nicht...

So kommt es, wie es kommen muß. Bereits als wir uns gestern verabredeten, hat Nina deutlich gemacht, worauf dieses Treffen hinauslaufen wird.
Und so stehe ich vor dem Spiegel und mühe mich ab, präsentabel auszusehen. Immerhin brauche ich mich nicht zu rasieren und auch die Frisur sitzt. Einen Moment lang lasse ich den Blick wandern, um zu sehen, ob ich nicht doch irgendwo aus dem Leim gegangen bin.
Scheint nicht der Fall zu sein. Ich schaue auf die Uhr.
Seit mehr als einer halben Stunde belege ich das Bad, überprüfe mich ständig aufs Neue.
Ich weiß, daß ich das nicht nötig hätte, aber hier ist mehr am Werk als das Bedürfnis, gut auszusehen.
Die Zweifel sind zurückgekehrt. Heute wird sich alles entscheiden. Heute werde ich sehen, ob sie wirklich das ist, wofür ich sie halte. Ob es mir vergönnt ist, die Einsamkeit hinter mir zu lassen.
Oder ob ich falsch lag.
Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, wann immer ich diese Möglichkeit in Betracht ziehe.
Mein Innerstes ist in Aufruhr. Ich muß an mich halten, damit die Nervosität nicht übermächtig wird.
Dies ist die letzte Möglichkeit, umzukehren. Die letzte Chance, einen Fehler zu vermeiden. Oder einen Unverzeihlichen zu begehen.
In einer Stunde ist es soweit. Ich blicke ein letztes Mal in den Spiegel. Jetzt muß ich die Entscheidung treffen.
Trotz allem fällt es mir nicht leicht.

Als sie den Arm um mich legt, sind alle Zweifel vergessen. Wieder spüre ich dieses Kitzeln, wo unsere Haut sich berührt und lächle. Es wird alles in Ordnung kommen.
Sie versteht den Grund meines Lächelns nicht, doch sie erwidert es, kurz bevor sich ihre Lippen den meinen nähern. Ich nehme noch einmal einen tiefen Atemzug, während sich um mich herum alles zu verlangsamen scheint.
Dann berühren sich unsere Lippen und erneut kitzelt es mich. Meine Augen sind geschlossen, doch ich kann ihr Lächeln an meinen Lippen spüren, so wie ich ihre Zunge spüre, als sie sich Zugang zu meinem Mund verschaffen will.
Ich lasse sie gewähren, fühle ihre Hände, die mich näher an sie ziehen. Mein Leib ist in Aufruhr. Das Kribbeln hat sich nun auf alle Gliedmaßen ausgeweitet.
Von meinem Mund aus krabbelt es hoch zur Wange...
Und dann schrickt sie plötzlich zurück, als sei sie geschlagen worden.
„ Andy...da ist was...“, meint sie, zeigt dabei auf meine linke Wange.
Ich brauche es nicht zu überprüfen, brauche nicht nachzufragen. Der Ausdruck des Ekels auf ihrem Gesicht sagt alles.
Sagt, daß ich mich geirrt habe. Fürchterlich geirrt.
„ Bitte, ich..es ....“, stammele ich, während ich ebenso zurückwanke wie sie. Hätte ich ein Herz, würde es zerbrechen.
Das Kribbeln wird stärker und jetzt fühle ich es auch. Meine Haut reißt auf und heraus krabbelt es, wimmelt es, flattert es. Vielbeinig, vieläugig, mit Stacheln, mit Flügeln, mit Zangen oder Rüsseln.
Sie schreit vor Entsetzen auf und ich pralle zurück, meine Schulter kracht gegen die Tür, verformt sich.
Auch in mir macht sich Entsetzen breit. Es ist schon zu lange her. Ich verliere den Zusammenhalt.
Kann meinen Körper nicht mehr kontrollieren.
Plötzlich taumele ich nach vorn. Meine Beine haben sich meiner Kontrolle entzogen, ihr Schwarm hört nicht mehr auf meinen Verstand. Sie stolpert beim Zurückweichen über einen Stuhl und fällt.
Ich stürze nach vorn, werfe mich über sie und noch während meine Zähne platzen, um die Larven freizugeben, während mein Verstand zerfasert und während mein Innerstes herausdrängt auf der Suche nach Fleisch und Blut, nach Nahrung für die Jungen, schreie ich.
Ein Schrei des Verlustes, ein Schrei der Verzweiflung.
Ein vergeblicher Schrei.

Ich wende mich von ihr ab. Ihr Körper schwillt langsam an, während Milliarden Eier beginnen zu reifen. Bald werden die Larven den Körper verlassen, um zu weiteren hirnlosen Schwärmen zu werden. Doch keiner wird sein wie ich. Und langsam beginne ich zu begreifen, daß es vermutlich niemanden gibt, der ist wie ich.
Meine Haut glättet sich langsam wieder, als sich auch das letzte Mitglied eines Schwarms in seine gewohnte Struktur einfindet.
Ich trete hinaus. Wage es nicht, zurückzublicken.
Ich wünschte, ich könnte sein wie meine Kinder. Ohne Gedanken, ohne Trauer, ohne Gewissen.
Aber das ist mir nicht gegeben.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte sterben. Einfach alles hinter mir lassen und mich dem Nichts überantworten.
Aber in diesen Dingen hat mein Verstand nicht die Oberhand. Er ist nur ein Schwarm von vielen und die anderen werden ihn nicht lassen.
Oft träume ich davon, herauszufinden, wer mich geschaffen hat. Wer ein solch widernatürliches Ding ersinnen konnte.
Ich träume davon, meinen Schöpfer zu treffen. Ihm gegenüberzutreten und nur eine einzige Frage zu stellen. Eine einfache Frage:
Warum hat er mir keine Tränen gegeben?
Neo-Paladin
 

Re: Schmetterlinge im Bauch

Beitragvon gundula » 27. Aug 2011, 10:32

hej,

was sich da so harmlos anfängt zu lesen, hats ganz schön in sich!

mir wäre lieber gewesen, ich hätte es nicht gelesen. ich mag horror ganz einfach nicht, weil es mich beunruhigt und beschäftigt.

an sich, also mit dieser ausnahme, gefällt mir der stil deiner geschichte gut.

lg
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