Von einem der auszog, ums Rasieren zu lernen.

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Von einem der auszog, ums Rasieren zu lernen.

Beitragvon Lost Empathy » 29. Jan 2014, 21:09

Irgendwann im Leben eines jungen Burschen kommt der Tag, an dem das erste Barthaar sprießt.
In früheren Zeiten wurde der Heranwachsende von Papi an die Hand genommen und zum örtlichen Barbier geführt, damit dieser die erste Rasur des Lebens erhielt. Dieser Zustand blieb, bis der erste dieser Väter auf die Idee kam, sich selbst ein Rasiermesser zu kaufen um sich selbst damit zu Rasieren. Da Dosenschaum zu dieser Zeit noch nicht erfunden war, nahm er einfach ein Stück Seife, schäumte sich damit die Stoppeln ein und begann damit, sich selbst das Rasieren beizubringen. Das war damals eine anfangs blutige Angelegenheit, doch irgendwann schaffte er dann eine unangenehme, aber gründliche Rasur. Damit die Rasuren für ihn angenehmer wurden, besorgte er sich ein paar feine Schleifsteine, einen Abziehriemen und etwas Rasierseife vom Barbier. Um noch einige Feinheiten zu lernen, schaute er sich die Arbeit des Barbiers genauer an und ahmte dies nach - und siehe da, es klappte. Von nun an wurde dieses Wissen vom Vater an den Sohn weitergegeben - über viele Generationen. Da aber Rasieren immer noch gefährlich war, erfand dann ein kluger Schmied den Rasierhobel, der das Rasieren sicherer und genau so gründlich machte. So nebenbei entdeckte er, dass mit den benötigten Rasierklingen mächtig Geld zu verdienen war. Dieser Schmied hieß Gilette und den Rasierhobel gibt es auch noch heute.

In den frühen Achtzigern wurde aus dem Rasierhobel ein Systemrasierer mit einem oder zwei Klingen, die in einem auswechselbaren Rasierkopf saßen und gefedert waren - der Systemrasierer war geboren und begann seinen Siegeszug zusammen dem Rasierschaum aus der Dose. Das war alles sooo bequem, schnell und relativ sicher ohne Schnitte. Hier ließ die Unterweisung im Rasieren von Vätern und Söhnen leider nach und dieses Lehren und Lehren verschwand bis es fast nicht mehr da war. Wer wollte noch mit Rasierhobel Rasieren, oder doofe Seife aufschlagen? Kaum noch einer, so ging auch dieses Wissen langsam verloren, nur ein kleines Völkchen wehrte sich gegen den Megaklingenwahn und zog aus um anderen das echte Rasieren zu lehren - bisher nur mit kleinem Erfolg.

Meine Geschichte begann Anfang der 80‘ er Jahre, da begannen bei mir Haare an stellen zu wachsen, die vorher völlig blank und (vielleicht hübsch?) waren. Bei mir erfolgten keine Weisheiten der Rasierkunst, kein lehren väterlicherseits. Ich bekam einen Elektrorasierer (ich sag mal Elektrofräse) mit den Worten »mach mal« in die Hand gedrückt und das war es dann auch. Man muss wissen, damals waren diese Elektrofräsen noch viereckig, brummten und mussten ständig am Stromnetz angeschlossen bleiben. Es gab noch keine ultramodernen Rasierfräsen, die ein eigenes Atomkraftwerk benötigten. Die Rasuren mit dieser Fräse waren unangenehm und ich sah jedes Mal (1x die Woche) aus wie ein Rotkehlchen, weil ich die Prozedur nicht so gut vertrug. Als dann die Haare dichter und kräftiger wurden, wurde die Rasur mit der Fräse zur Tortur. Aber Mutter hatte keinen Idioten groß gezogen, so zog ich los und kaufte mir vom Taschengeld einen Systemrasierer mit einem Zweiklingen-Rasierkopf, eine Dose Fertigschaum (folgend Plörre genannt) und Aftershave. Bei meinen ersten Versuchen schaffte ich es, mich drei mal derbe zu schneiden. Auf diese Stellen klebte ich Klopapier und gut war. Als das Rasierwasser drauf kam, ertönten alle zwei Tage fröhliche Schreie aus dem Badezimmer, die das Elternherz erfreute. Doch mit den Monaten wurde ich sicherer und schaffte es sogar im Vollrausch, mit dem Systemrasierer schnittfrei und sauber rasiert aus dem Bad zu schleichen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Systemklingentechnik immer besser. Aus zwei Schneiden wurden sechs, plötzlich brauchte man Batterien zum Rasieren und die Preise dieser Super-Schneidköpfe wurden so hoch, dass man fast einen Kredit brauchte um sich einen kaufen zu können.
Dann irgendwann wurde mir dieser Preiswucher zu viel des Guten und ich wechselte auf die Klingenköpfe vom Aldi - die waren gut und günstig (dachte ich). Den Stein der Weisen fand ich dann beim Ausräumen des Besitztums meines verstorbenen Opas. In einer der Kisten fand ich ein Rasiermesser, einen Abziehriemen und verschiedene Schleifpasten und Steinen. Zuerst war ich ratlos und überlegte, was wohl damit anzufangen und wie damit umzugehen war. Damals kannte ich aber jemanden, der mir zumindest den Umgang mit Riemen und Steinen am Messer zeigen konnte. Da ich sehr wissbegierig war, lernte ich sehr schnell und schaffte es, mein Rasiermesser immer scharf zu halten.
Das Rasieren selbst gestaltete sich anfangs als eine sehr blutige Angelegenheit, obwohl ich vorsichtig war, doch auch diese Hürde nahm ich mit der Zeit und erlebte die sanfteste und gründlichste Rasur meines Lebens. Die Haut fühlte sich herrlich weich an, keine Stoppeln störten mehr und das Rasierwasser verbrannte mir nie wieder die Haut. Ich war begeistert und so begleitete mich mein Messer überall mit hin. Das Schlagen von Rasierseife mit Hilfe eines Rasierpinsels lernte ich so nebenbei und erfreute mich an den Düften und der pflegenden Wirkung. Leute, damals hatte ich mein kleines Stück Himmel gefunden und Gilette (Proctor and Gambel) von mir Proctor und Gammel genannt verlor jeglichen Boden bei mir.

Jahre später wurde mein Kopfhaar dünner und lichter, so begann ich mit Rasierseife und Systemrasierer (die 5 Schneidigen vom Lidl) den Kopf zu rasieren. Wieder ein affengeiles Gefühl. Ich vollziehe die Kopfrasur heute noch so, denn mit Rasierhobel oder Messer traue ich mir das nicht - es ist mir zu gefährlich.

Dann wurde ich lange krank und durfte nichts Scharfes oder Spitzes besitzen, so war ich gezwungen elektrisch zu rasieren, sehr zu meinem Leidwesen, denn ich vermisste die Klingen und das weiche Gefühl der Haut nach einer Messerrasur; dem Duft des Rasierwassers und der Seife. Als ich wieder halbwegs gesund wurde, bekam ich mein Rasiermesser zurück, doch eine Rasur habe ich damit nie wieder hinbekommen, dafür zog ich mir einen üblen Schnitt durch mein Gesicht. Also begann ich, meine Fühler im Internetz nach etwas ähnlich Stilvollem auszustrecken, was nicht gerade so gefährlich war. Bald stieß ich auf das oben genannte Volk der Rasierklassiker und Moderneverweigerer. Diese empfahlen mir die Rasur mit Rasierhobeln, also besorgte ich mir gleich drei davon. Einen mit Butterflymechanismus, einen Zahnkammhobel mit offenem Kamm und einen Rasierhobel mit geschlossenem Kamm. Dazu kamen etwa 100 Rasierklingen aus Russland, die besonders scharf und gründlich waren.
Als das Zubehör im Paket bei mir ankam, staunte ich wie ein Kind im Bonbon-Laden. Diese Rasierhobel glitzerten so lieblich und schön, da konnte ich nicht Wiederstehen und schnappte mir den Hobel mit dem geschlossenen Kamm, bestückte ihn mit einer Rasierklinge, die nicht wirklich besonders aussah.
Im Badezimmer wurde dann erst der Dachshaarpinsel eingeweicht während ich meine Rasurzone mit einem heißen Tuch einweichte.
Nach drei Minuten kramte ich meine Marzipan-Rasierseife aus der Schublade und schlug einen sahnig-fluffigen Rasierschaum der herrlich duftete und schön warm war. Nach dem einpinseln fühlte ich mich fast wie der Weihnachtsmann und sah auch fast so aus, mit meinem Schaumteppich im Gesicht. Nach zwei Minuten Aufweichzeit begann ich mit der Rasur. Natürlich hatte ich mich bei meinen neuen Rasierfreunden im Internetz ausführlich einweisen lassen (per Bild und Video) und setzte das auch um. Leider muss ich mich wohl äußerst blöde angestellt haben, denn ich sah aus, als hätte mich ein Epileptiker während eines Anfalls rasiert. Überall Schnitte, Reizungen und ganz gemeine Pickelchen. Mein ganzes Gesicht brannte wie feuer und schmerzte. Als dann Rasierwasser zur Desinfektion auf die rasierten Stellen kam erlebte ich wieder meine Rasiervergangenheit - es ertönten unartikulierte Schreie und wilde Tanzschritte. Liebe Leser, es war eine Freude endlich mal so richtig in Schwung zu kommen und zu spüren das man lebt. Die folgenden Tage gesellte sich dann noch ein mächtiger Rasurbrand dazu und ich traute mich nicht, einen Rasierer in die Hand zu nehmen, obwohl ich zunehmend aussah wie ein Yeti an den ... .

Es dauerte quälende 4 Wochen, bis ich endlich die grundlegende Technik verinnerlicht hatte und mich nicht mehr schnitt oder Rasurbrand hatte. Die Rasuren waren aber immer noch nicht so, wie ich sie vom Messer kannte. Aber auch dies hatte ich bald im Griff - und da war es wieder: Das »Oh mein Gott wie glatt und weich«. Und da war wieder dieses befriedigende Wohlgefühl, welches jeder Mann empfindet, der sein eigenes Haus entworfen und selbst gebaut hat. Heeeerlich.
Mit dem Rasierhobel mit offenem Kamm (dem Biest), gab es zwar noch Grabenkämpfe mit ein paar Schnitten und kleineren Rasurbränden, aber auch dies legte sich schnell.

Heute, nach 32 Jahren, bin ich am Stein der Weisen angelangt und schaue auf die vielen Erfahrungen meines Rasiererlebens zurück. Ich kann mir dabei ein Lächeln nicht verkneifen, bin stolz darauf mich mit viel Stil Rasieren zu können; es zu genießen und dabei noch eine babyzarte Haut zu haben. Gut, hin und wieder gibt es noch ein paar schmerzhafte Erfahrungen, aber die sind selten geworden - sie erinnern mich daran, das man niemals den Respekt vor der Klinge vergessen sollte; es gehört einfach dazu und ich lächele auch dann noch, wenn dann Rasierwasser auf diese kleinen Schnitte kommt. Ich bin im Frieden mit dem Rasierer und mit mir.
"Komm wir essen Mutti."

Satzzeichen können Leben retten
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