Der Höllenwald (4) - Dritter Reisetag

Hier kannst du Sach-und Fachartikel, Biografien, Lebensläufe, Bewerbungen, Aufsätze, Essays usw. von dir präsentieren, diese kommentieren und bewerten lassen

Der Höllenwald (4) - Dritter Reisetag

Beitragvon Lost Empathy » 1. Okt 2012, 20:07

Von zweien die auszogen um das Gruseln zu lernen (3)


Tag drei der Reise ins Reich der Geister.


Oh Mann, was für ein Erwachen. Nach einer wunderbaren Nacht mit einem ängstlichen Mädchen (Marius), wunderbarem Nebel und einer umgefallenen Kamera, begann der Morgen mehr als schleppend. So langsam machte sich die Müdigkeit durch die durchgemachten Nächte bemerkbar. Nach einem herzhaften Frühstück und einer Menge ganz starkem Kaffe gingen Michael und ich den Tagesplan für diesen letzten Tag und die Nacht durch, den ich durch Quengeln und Nerven doch noch durchgesetzt bekam.


Unser Tagesplan sah folgendermaßen aus:

  • 01. Eine lange Wanderung um wieder mobil zu werden.
    02. Ein leckeres Mittagessen in einem Restaurant.
    03. Besuch des „Hürtgenwaldmuseums“ in Vossenack
    04. Aufbau der Ausrüstung
    05. Die letzte Nacht überleben (jedenfalls Marius wollte das).
    06. Mich selbst schämen, weil ich mich über Marius Ängstlichkeit lustig gemacht habe.
    07. Mit Bier den Abschluss der Tour feiern.

Nun Punkt eins ist schnell beschrieben, wir wanderten durch die wunderbare Eifellandschaft und genossen die gute Luft. Hier und dort sahen wir uns Gedenksteine an und wurden langsam auch wieder wach und fühlten uns wohl. Der Schrecken der letzten Nacht war schnell vergessen und wir schauten zuversichtlich nach vorne. Hugin, die uns begleitende Krähe brachte uns mit ihren Späßen zum Lachen und versüßte uns den Tag.


Das Essen gehen gestaltete sich etwas schwieriger, da Tiere, insbesondere Vögel in Gaststuben nicht gerne gesehen werden. Also aßen wir in einem Restaurant mit Terrasse, wo wir uns draußen hinpflanzten. Der Tag war bis dahin weniger aufregend, daher spare ich mir weitere Beschreibungen.

Punkt vier der Tagesordnung war gegen Abend auch schnell gemacht und so machten wir es uns bis zum Einbruch der Dunkelheit im Geschützraum gemütlich und öffneten das erste Bier der Nacht. Es hat herrlich geschmeckt, es kam mir selbst so vor als sei dass das Beste was ich seit Jahren getrunken habe. Der warme Schein der Gaslaterne tauchte den Geschützraum in ein warmes, heimeliges Licht und gab uns das Gefühl zu Hause zu sein – wir fühlten uns super wohl, obwohl es mittlerweile wieder sehr kalt im Bunker wurde. Schnell waren die Geräte wieder auf Empfang, wir gesättigt und zu jeder Schandtat zu haben. Also wieder Karten spielen, den Monitor beobachten und dabei Bier trinken.
Ja, ich weiß, die Damen der Schöpfung werden für dieses Verhalten wohl kein Verständnis haben – aber genau das ist es was das Männerherz begehrt – wohnen in der wilden Wildnis, den Hauch der Gefahr im Nacken, ein Bier und einen Kumpan, der mit einem Karten spielt. Mensch war das herrlich.


Marius stand zu seinem Wort vom Vortag: „Nein, ich geh da nie wieder rein“. So streckte ich ihm jedes mal die Zunge raus und ging halt selbst immer los EMF Messungen machen. Bis 23:00 Uhr tat sich absolut gar nichts. Dann aber fiel mir etwas Seltsames auf.
Die beiden Nachtsichtkameras zeigten gar nichts, aber die Wärmebildkamera zeigte etwas, was mich neugierig machte. Das Bild der Wärmebildkamera zeigte eine Wolke.
Wie jetzt? Wolke?

Nun, es sah halt wie eine Wolke aus. In der Mitte des Mannschaftsraumes ist ein Kältefeld aufgetaucht. Dass seltsame an diesem Kältefeld war, war die Tatsache, dass es keinen Kontakt zum Fußboden oder zu anderen Wänden hatte; es schwebte quasi einfach so im Raum und bewegte sich nicht.


So sehr wir uns den Kopf zerbrachen, woher dieses Kältefeld kommen könnte – wir kamen nicht darauf. Ritzen und Löcher in den Wänden scheiden aus, das haben wir kontrolliert und getestet. Luftzug herrschte dort auch nicht. Es war wie verhext. Marius und ich sahen verdattert auf den Bildschirm und diskutierten leise darüber und kamen zu keinem Ergebnis. Marius beharrte im Übrigen darauf, dass dies wohl ein Geist sei. Ich bestritt dies vehement, denn Geister bewegen sich doch, oder nicht? Zur Geisterstunde eine Stunde später war der „Spuk“ dann vorbei und die „Wolke“ weg.

Gut, nun war ich mal wieder an der Reihe um mit dem EMF-Meter auf Messtour durch die beiden Räume zu laufen und um versuchsweise ein EVP zu machen. Ich rechnete eigentlich mit gar nichts, denn im Munitionsraum tat sich gar nichts. Keine erhöhten Werte und auch sonst nichts. Im Mannschaftsraum fing das EMF-Meter an Geräusche von sich zu geben. Zuerst war es nur ein leicht erhöhter Wert, so wie am Tag zuvor. Ich ging der Ausschlagrichtung nach und stellte fest, dass das Gerät immer schriller quiekte. Zuerst dachte ich daran, dass dort wohl ein Infrarotstrahl der Kameras oder der Thermometer hinzeigte, deswegen rief ich Marius zu, er solle mal alles Elektrische ausschalten. Das tat er dann auch zuverlässig, doch das Geheule des EMF-Meters ließ nicht nach.
Noch ehe ich so recht begriff was los war, zog ein eisiger Kälteschauer durch meine Knochen, ich verspürte für einen Bruchteil einer Sekunde panische Angst. Und dann – dann war das Gerät wieder still, die Kälte war weg und ich stand da, als hätte mir jemand erst einen Eimer Eis über den Kopf geschüttet und dann warm eingepackt an einen Ofen gesetzt. Ich verließ den Raum, ging zu Marius und stellte den Strom wieder an. Marius behauptete, ich hätte gezittert und wäre kreideweiß gewesen – und das nicht nur im Gesicht. Nun, ich bin von Natur aus schon Kalkweiß – aber wenn Marius sagt, dass ich weiß gewesen sei – dann muss ich wohl sehr weiß ausgesehen haben.
Mir gings aber nach dem Erlebnis gut, nachdem die Kälte weg war, war auch die Angst wieder weg – mir ging es gut. Alles recht seltsam, aber ich bezweifele das es ein Geist war. Bestimmt hatte ich nur einen Extraherzschlag wegen meines Herzleidens und einen kurzzeitigen Blutdruckabfall – also leicht zu erklären. Bestimmt war das auch so.

Was aber klar war, wir schliefen in dieser Nacht nicht mehr, sondern unterhielten uns über dieses Phänomen, allerdings fanden wir keinen Konsens. Nachfolgende Messungen ergaben gar nichts Ungewöhnliches mehr, passiert ist eben so wenig.

Mit gemischten Gefühlen verließen wir dann am nächsten Morgen den Wald der Toten. Einerseits war ich froh diesen Ort verlassen zu können, auf der anderen Seite fand ich die Landschaft schön, trotz der Gefühlsglocke die über mir schwebte. Ich bin hypersensitiv und kann euch Lesern nur sehr schwer beschreiben, was mit Gefühlsglocke gemeint ist. Ich versuche es aber trotzdem. Stellt euch eine Käseglocke vor, ihr sitzt darin. In dieser Käseglocke seid ihr umgeben von den Gefühlen der Vergangenheit und dem Jetzt. Ihr könnt nicht aus dieser Käseglocke raus – alles strömt ungefiltert auf euch ein. Bedrückend nicht wahr? Ich konnte zu jeder Zeit die Verzweiflung, den Schmerz und das Leid der Menschen spüren, die hier gekämpft und gestorben sind. Ebenso habe ich aber auch die schönen Gefühle gefühlt, die dort waren. Ein Beispiel für so ein schönes Gefühl war die seelige Ruhe, die in diesem Wald herrschte. Ihr seht – es war mental anstrengend. Marius war heilfroh dort wegzukommen, ihm saß die Furcht und der Schrecken noch in den Gliedern. Ich musste ihm versprechen, ihn nie wieder auf so eine Abenteuerreise mitzunehmen – jedenfalls nicht, wenn es dort spukt.

Der letzte Bericht über unsere Tour wird eine überraschende Auswertung der Aufnahmen sein; ein Erklärungsversuch eines Physikers unter Zuhilfenahme seines Labors und ein persönliches Resumee.
Zuletzt geändert von Lost Empathy am 7. Okt 2012, 18:39, insgesamt 1-mal geändert.
"Komm wir essen Mutti."

Satzzeichen können Leben retten
Benutzeravatar
Lost Empathy
 
Beiträge: 458
Registriert: 10.2010
Wohnort: Untote Bananenrepublik Deutschland
Geschlecht: männlich

Re: Der Höllenwald (4) - Dritter Reisetag

Beitragvon snowy » 4. Okt 2012, 09:30

Ein wirklich sehr spannender und fesselnder Bericht! Danke
Schreiben ist ein Spiel,mein Lieblingsspiel!
snowy
 
Beiträge: 167
Registriert: 02.2010
Wohnort: ars vivendi MalteserStr. 160 12277 Berlin Handy:01745495420
Geschlecht: weiblich

Re: Der Höllenwald (4) - Dritter Reisetag

Beitragvon Lost Empathy » 4. Okt 2012, 19:54

Ich danke dir *freu*.

War wirklich eine spannende und abenteuerliche Reise. Hab danach ein paar Tage lang akkordschlafen veranstaltet. So richtig interessant war das, was der Physikmensch erzählt hat. Vieles hab ich gar nicht verstanden weil´s zu Fachspezifisch war, aber naja ... es war überraschend.

Aber mal ehrlich, so schnell möchte ich jetzt im Hürtgenwald nicht mehr übernachten :)
"Komm wir essen Mutti."

Satzzeichen können Leben retten
Benutzeravatar
Lost Empathy
 
Beiträge: 458
Registriert: 10.2010
Wohnort: Untote Bananenrepublik Deutschland
Geschlecht: männlich


Zurück zu "SONSTIGE TEXTE"

 
cron