Die Moderne (Jugend-)Sprache

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Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon Aericura » 31. Jan 2011, 00:16

Guten Abend/Nacht, meine Lieben!

Mich interessiert mal, wie euer Eindruck von der modernen Sprache ist.

Wie das gemeint ist? Ganz einfach: Habt ihr auch das Gefühl, dass die Alltagssprache vor allem der Jugendlichen immer vulgärer wird? Dass die Anglizismen langsam aber sicher die ebenso passenden deutschen Worte verdrängen? Dass bestimmte Endungen komplett verschwinden?

Ich gebe euch mal ein paar Beispiele:

1. Die Endung "-er" scheint zu verschwinden. Was früher "-er" war, ist heute "-aaaaaaa". Also "Altaaaaa" statt "Alter" oder "Opfaaaaa" statt "Opfer".

2. "Yo, du bist so hot!" und "Hey, Mann du bist echt tight!" Wie wäre es denn mit: "Du siehst gut aus!" und "Freund, du bist toll (eingedeutscht: cool)!" Außerdem frage ich mich manchmal, ob diese Leute überhaupt wissen, was sie da sagen. Mein zweiter Beispielsatz hat eindeutige homoerotische Tendenzen, die anscheinend niemandem auffallen.

3. Als ich klein war, galt "Scheiße" als Vulgärsprache. Das war ein Bäh-Wort. Sowas sagte man nicht. Wenn ein Kind oder Jugendlicher "Scheiße" sagte, erntete er mindestens einen bösen Blick von den Erwachsenen. Heute ist "Scheiße" alltagstauglich, beinahe schon Salonfähig. Als meine Halbschwester mit 4 Jahren vor ihrem Schrank stand und nicht wusste, was sie im Kindergarten anziehen soll (ihr Lieblingskleid war gerade in der Wäsche), sagte sie klar und deutlich "och, Scheiße." Da musste ich erstmal schlucken (ich war selbst gerade erst 12) und dachte mir "Erlauben Papa und deine Mama dir, das zu sagen?"
Und das ist noch ein harmloses Beispiel.

Wie ist eure Meinung dazu? Was meint ihr, wie unsere Sprache in 10 oder auch 20 Jahren aussieht? Bedenkt bitte auch: Die Jugendlichen von heute sind die Erwachsenen von morgen und wenn sich diese Art zu sprechen einmal "eingenistet" hat, werden sie sie wahrscheinlich beibehalten. Und dann auch an ihre Kinder weitergeben.
„... dieses weiße Papier, das kein Ende nehmen will, brennt einem die Augen aus und darum schreibt man.“
(Franz Kafka, Brief an Milena Jesenská vom 31. Mai 1920)
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Re: Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon Aylen » 31. Jan 2011, 09:47

Nun nicht unbedingt muss sich diese Sprache halten. Sicher wird es die ein oder anderen geben, die solche Ausdrucksweisen nicht mehr ablegen. Aber der großteil wird doch "herauswachsen"...so denke ich zumindest.
Zudem kommt es viel auf das Familienhaus, die erziehung und den Umgang an...dieser Formt uns zu dem was wir werden...
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Re: Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon Sofian » 31. Jan 2011, 18:23

Das, was du hier als Sprachverfall beschreibst, ist eigentlich der ganz normale Sprachwandel. Eine Sprache ist niemals ein statisches Konstrukt, sondern ein sehr dynamisches. Dieses Konstrukt unterliegt bestimmten Einflüssen, darunter fallen aus dem Inneren eines Sprachraums der (1)Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und deren Integrationsstatus, (2) der Bildungsstand der Menschen und (3) die allgemeine Präsenz der Sprache in den geläufigen Medien wie dem Fernsehn und dem Internet. (4) Dazu kommen äußere Einflüsse von Sprachen, die im aktuellen Weltgeschehen eine wichtige Rolle spielen.

(1) Je mehr Menschen mit Migrationshintergrund in einem Land leben, desto mehr Menschen gibt es, die prinzipiell zweisprachig aufwachsen. Diese Menschen vermischen dann teilweise ihre Muttersprache mit dem Deutschen und irgendwann, wenn es einprägsame oder plausible Wendungen sind, gehen diese Entlehnungen in die eigentliche Sprache des Landes über. Ein Beispiel ist die Integration des "Rotwelschen", also der Sprache der Gaukler und Zigeuner, in die deutsche Sprache. Wörter wie "Kohldampf" und "Brabbeln" sind diesem Soziolekt entlehnt. So hat es einem früher genauso empörte Blicke eingebracht, wenn man Dinge wie "Ich hab Kohldampf" oder "Hör auf zu brabbeln" sagte, wie es heute Worte wie "Scheiße" tun.

(2) Je niedriger der Bildungsstand, desto einfacher wird die Sprache. So kann es passieren, das sich eine Sprache in eine Gelehrten und eine Vulgärsprache trennt, so wie es beim Latein passierte. Aus dem "Vulgärlatein" wurden Spanisch, Portungiesisch, Französisch und besonders Italienisch, das "Gelehrtenlatein" lernt man heute noch so in der Schule.

(3) Die Sprache der Medien bestimmt immer die Sprache des Volkes. So wurde Hochdeutsch eigentlich als "sächsische Kanzleisprache" geboren und durch die Bibel Martin Luthers erst zu einer Sprache des gesamten Volkes, das vorher in Dialekte zerfallen war.

(4) Die Weltmacht bestimmt immer die internationale Handelssprache. So ist Englisch als Sprach der USA im Moment die Sprache schlechthin. Vor 150 Jahren war es noch Französisch. Alles, was wir heute als Anglizismus bezeichnen, ist in 20 Jahren wahrscheinlich ein ganz normales deutsches Wort. Wie es heute Foyer und Cafe sind, beides französisches Lehnwörter.


Sich also darüber aufzuregen, was mit der Sprache im Moment passiert, finde ich prüde. Sprache wandelt sich eben, das ist der Lauf der Dinge. Vieles wird sich im Laufe der Zeit rauswaschen, anderes wird bleiben. So glaube ich nicht, das das Wort "cool" so schnell wieder aus unserer Sprache verschwinden wird, ebensowenig wie "Laptop" oder "Service". Anderes, was umständlicher ist, wird bleiben.
Auch verschieben sich Bedeutungen von Worten. Bezeichnete "Scheiße" vor ein paar Jahren nur das menschliche Stoffwechselendprodukt, so ist es heute ein bedeutungsweiter Begriff, der vor allem Unmut ausdrücken soll. Ebenso "Fuck" und "Kacke", beide haben den selben Verwendungszweck.

LG Sofian :D
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Re: Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon Aericura » 31. Jan 2011, 18:42

Ich habe früher immer bewusst "Scheiße" gesagt, wenn mich keiner hören konnte, der gemeckert hätte. Ganz einfach, weil ich es nicht durfte. So hat es sich in meinen Wortschatz eingeschlichen. Anderes kam (wie zu erwarten war) durch die Medien und meine Klassenkameraden in meine persönliche Sprache. Soweit erscheint es mir normal.
Was mich hingegen stört, dass viele nicht zu wissen scheinen, wann sie was sagen können und dass Vulgärsprache eine Art Phallussymbol zu sein scheint. "Yo, fuck alda! Geh und fick deine Mudda, du Hurensohn!" ist nicht nur eine Beleidigung, sondern viele reden auch mit ihren Freunden so. Es erscheint mir so, als ob man, um anerkannt zu werden, "dicke Eier" beweisen muss - in Form von immer neuen, noch extremeren Ausdrücken.

Mich persönlich stört diese zunehmende Vulgarisierung (Gibt es dieses Wort?) der Alltagssprache sehr. Darum versuche ich gerade ganz doll, mir die Kraftausdrücke abzugewöhnen. (Interessiert das eigentlich jemanden?)

@ Sofian: Ich halte mich absolut nicht für Püde. ;) Es ist mein subjektiver Eindruck und meine persönliche Meinung. Außerdem soll das hier ja eine Diskussion sein. Die gibt es nicht, wenn alle einer Meinung sind. Also los, sagt mir, wenn ihr die ganze Sache anders empfindet! :supi:
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Re: Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon Lost Empathy » 31. Jan 2011, 21:55

Ich möchte mich einfach mal Aericura anschließen. Ganz furchtbar finde ich es an der Hauptschule worin sich die Bücherei in der ich arbeite befindet. Die Umgangssprache wird nicht nur vulgärer, sondern auch aggressiver. Neulich beschimpfte mich ein Pimpf aus dem fünften Schuljahr als Gottverdammten Krüppel den man am besten vergasen würde. Ich bin behindert, mittlerweile auch nicht mehr so empfindlich - aber wenn mich jemand Krüppel nennt und mich vergasen will, dann werde sogar ich giftig.

Ich bin zur Schulleitung und es gab für den Knilch Schulverweis. Auch die W und F Wörter werden hemmungslos benutzt und natürlich ist jeder Behindert, der nicht die gleiche Meinung hat wie die Jugendlichen. Aus farbigen Mitmenschen werden Nigger gemacht und wir, die in der Bücherei versuchen zu arbeiten sind sowieso behindert - weil wir Störenfriede einfach an die Luft setzen. Lässt sich unendlich fortsetzen - ich finde das einfach nur entsetzlich.

Die Entwicklung momentan hat nichts mit dem Einfluss anderer Sprachen zu tun - die beruht einfach nur auf den Werteverlust dieser Zeit; ist traurig, aber leider Wahr. Ich bin mittlerweile soweit und setze jeden an die frische Luft, der sich vulgär oder beleidigend ausdrückt. Mir doch egal wenn ich mich damit unbeliebt mache.
"Komm wir essen Mutti."

Satzzeichen können Leben retten
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Re: Die Moderne (Jugend-)Sprache

Beitragvon snowy » 31. Jan 2011, 22:10

Also zum Teil gebe ich Sofian recht, die Sprache ändert sich. Das Wort Scheiße ist heute überall zu hören,und oft, wenn ich es sage ,denke ich, für das was ich im Moment fühle ,müsste es einen noch stärkeren Kraftausdruck geben. Scheiße ist zu mild
Aber ich gebe auch Aericura und Lost Empathy recht. Die vulgäre Ausdrucksweise von Jugendlichen ist wirklich nicht zu tolerieren.´@ Lost Empathy was dieser Knilch zu dir gesagt hat ist echt gemein und abscheulich! Gut, das er einen Verweis bekommen hat. Aber hat so etwas mit Sprache zu tun oder ist es eher eine Erziehungsfrage? Viele dieser Jugendlichen haben doch überhaupt keine Manieren mehr !
Schreiben ist ein Spiel,mein Lieblingsspiel!
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