Riskante Überfahrt

Geschichten des 1sten Schreibwettbewerbes

Riskante Überfahrt

Beitragvon Lantaris » 18. Mär 2010, 16:46

RISKANTE ÜBERFAHRT
von Vanessa Kohn



Langsam schlägt Alan die Augen auf.
Pechschwarze Dunkelheit erwartet ihn. Mühsam richtet er sich auf und spürt eine kalte Wand hinter sich. Wie vom Blitz getroffen schnellt er in die Höhe. Jetzt bemerkt er auch das leichte Schaukeln des Bodens.
Schwankend tastet Alan sich die Wand entlang. Sein Plan hat also tatsächlich funktioniert!
Endlich umfassen seine Finger einen eisernen Griff und er lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Knarrend gibt die schwere Holztür nach und um ein Haar wäre Alan über die hohen Stufen gestolpert, die vor ihm in die Höhe führen. Am Ende der Treppe erkennt er einen schwachen Lichtschein.
So vorsichtig wie möglich steigt er eine Stufe nach der nächsten ins Freie. Vor seinen Augen sieht er immer nur ein Bild, das er ebenso fürchtet wie liebt: Das Bild seiner verstorbenen Verlobten.
Als er die letzte Treppenstufe erreicht, hebt er instinktiv die Hand, um seine Augen vor dem grellen Licht abzuschirmen. Es scheint aus dem Horizont zu kommen und taucht alles in ein unwirkliches Leuchten. Er lässt seinen Blick über die alten Holzfassaden des Schiffes gleiten und sieht nichts als Wasser, so weit sein Auge reicht.
Wie weit es wohl noch ist, bis wir da sind? fragt er sich und fügt in Gedanken sehnsüchtig hinzu: Bis ich sie wieder sehe…
Plötzlich spürt er einen harten Griff an seiner Schulter und eine schneidende Stimme herrscht ihn an:
„Was suchst du hier?"
Erschrocken fährt er herum und blickt in die glühendsten Augen, die er je gesehen hat. Unfähig zu reagieren starrt er den alten Greis an, über den er so viel gelesen hat.
Das schlohweiße Haar, welches das faltige Gesicht umrahmt, passt genau zu den Beschreibungen des römischen Dichters Vergil.
Vor ihm steht kein anderer als Charon, der berüchtigte Fährmann, der die Seelen der Toten ins Reich der Unterwelt begleitet.
„Was hast du hier verloren?", wiederholt dieser mit beißender Stimme.
„Ich fahre mit zur Unterwelt.", erklärt Alan und ihm misslingt es, eine selbstsichere Haltung zu bewahren.
„Ich setze keine Lebenden über.", zischt Charon und sein Blick verfinstert sich.
Eingeschüchtert haspelt Alan: „Ich will nur zu meiner Verlobten."
Noch während er auf eine Antwort wartet, gesteht er sich ein, dass sein Plan gescheitert war. Dabei hatte er alles so genau geplant!
In Gedanken durchlebt er die letzten Stunden erneut:
Erst musste er die schwer zu beschaffene Droge schlucken, die ihn in einen todähnlichen Zustand versetzt hat. Von da an kann er sich an nichts mehr erinnern, aber er weiß, dass er mit dem Obolus unter seiner Zunge die Begräbnisriten über sich ergehen gelassen hat. Die Münze in seinem Mund war die Bezahlung für seine Fahrt auf der Fähre über den Totenstrom Acheron.
Und jetzt?
Mit Tränen in den Augen blickt er den Greis an.
„Bitte! Ich will sie nur wiedersehen." Sein Flehen ist in ein kraftloses Flüstern übergegangen.
Von den Emotionen des jungen Mannes völlig unbeeindruckt, meint Charon düster: „Kein Lebender hat je die Fähre verlassen. Das wird auch so bleiben. Du musst sterben!"
Entsetzen breitet sich in ihm aus und sein Herzschlag beschleunigt sich, bis er das Pochen mühelos hören kann.
„Du bist nicht der erste, der versucht die Götter zu betrügen. Aber du wirst deine gerechte Strafe erhalten!“
Zitternd schließt Alan die Augen und atmet tief durch, während er den kalten Worten Charons lauscht.
„Auf dich warten hundert Jahre am Ufer des Acherons. Als Schatten, als dunkles Abbild dessen, was du einmal warst!“
Panik überfällt ihn als ihm bewusst wird, dass die Worte ernst gemeint sind.
Unbeirrt fährt der Alte mit seiner schaurigen Erklärung fort.
„Der Körper ist das Grab der Seele, hat Platon einmal gemeint. Nur wenn du die Last der Einkörperung ablegst und frei von Materie wirst, kannst du als Seele im Tod wirklich Leben.“
Die Erkenntnis dieser paradoxen Situation trifft ihn unvorbereitet.
Schadenfreude flackert in den Augen des Fährmanns auf.
„Nein! Nein!“, schreit Alan verzweifelt. „Das kann doch nicht wahr sein! So kann mein Leben doch nicht enden!“
Mit einem heftigen Ruck reißt er sich los und setzt zu einem Sprint über den glitschigen Holzboden an. Aber wo soll er schon hin? Auf dem Schiff ist er Charon gnadenlos ausgeliefert.
Wie aufs Stichwort taucht der grimmige Greis plötzlich vor ihm auf und schneidet ihm so den Weg ab.
„Du kannst dich nicht vor mir verstecken!“, stellt er mit spöttischem Unterton fest.
Alan verzieht das Gesicht zu einer schmerzvollen Grimasse.
Er hat Recht! Geb auf! hört er seine innere Stimme, doch er will es einfach nicht wahrhaben.
„Ich bin Charon!“, brüllt der Fährmann plötzlich mit kraftvoller Stimme, die ihn erschauern lässt.
„Ich bin der Sohn der Nyx und des Erebos, Diener des Pluto und Fährmann der Seelen der Verstorbenen. Mich kann niemand hintergehen!“
Ehrfurchtsvoll sackt Alan auf dem Boden zusammen.
„Dann … kann … werde ich sie … nach meiner Strafe … danach im Jenseits wiedersehen?", stottert er zitternd.
„Ja. Ja, das wirst du.“
Nach diesen Worten ergibt Alan sich seinem Schicksal und ein erwartungsvolles Lächeln bereitet sich auf seinen Lippen aus.

©2009 Vanessa Kohn (für Magazin Schreibstübchen)
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