Ohne Titel

Geschichten des 1sten Schreibwettbewerbes

Ohne Titel

Beitragvon Lantaris » 18. Mär 2010, 16:43

OHNE TITEL
von Ann-Christin Machowski


Der Mann setzte sein Glas an und trank es in einem Zug leer. Dann schüttelte er sich, während er das Gesicht verzog.
„Kann ich anschreiben“, fragte er dann den Barkeeper.
„Schon wieder“, rief dieser überrascht aus, „Mensch, Charon, es wird Zeit, dass du dir einen anderen Job suchst! Das kann doch so nicht weitergehen!“
„Was soll ich denn machen? Ich kann doch nichts anderes.“
„Wie wär’s mit Taxifahren“, schlug der Barmann vor.
„Ja klar“, antwortete Charon sarkastisch, „ich sehe schon die Schlagzeile: Fährmann fährt Taxi.“
Der Barmann musste sich mühsam ein Lachen verkneifen. Dann wurde er wieder ernst.
„Dir würde eh keiner glauben, dass du DER Charon bist. Wer glaubt denn heutzutage noch an uns?“
„Was denkst du denn, warum ich pleite bin? Die Leute rennen doch alle zu diesem... Wie hieß er gleich nochmal?“
„Gott“, half der Barkeeper weiter.
„Genau“, murmelte Charon, „so ein dummer Name.“
Eine Weile herrschte Schweigen, ehe Charon seufzte.
„Weißt du noch? Früher hatte ich immer genug Geld. Selbst den Ärmsten hat man zwei Münzen auf die Augen gelegt. Aber heute...“
„Ja, ich weiß“, antwortete der Barmann, „damals konnten wir uns nicht beschweren. Die vielen Opfergaben haben uns ein komfortables Leben ermöglicht. Und heute müssen wir zusehen, dass wir irgendwie über die Runden kommen. Selbst Zeus schleudert keine Blitze mehr.“
Charon wandte sich zu den Dartscheiben um, an denen ein ältlicher Mann stand und Pfeile warf. Vor ein paar Jahrhunderten hatte Zeus eindrucksvoll ausgesehen. Inzwischen schien er geschrumpft und wirkte viel mehr wie ein Mensch, mit dem es das Leben nicht gut meinte. Normalerweise schlief er im Schlafsack in Bacchus' Bar und verdiente sein Geld damit, Wetten mit Halbstarken abzuschließen.
In diesem Moment stampfte eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters wutschnaubend in die Bar.
„Bacchus, nen Doppelten“, rief sie auf halbem Weg zur Theke. Dann ließ sie sich auf einem Barhocker nieder und murmelte: „Das ist doch nicht zu fassen. Was hat es mit Weisheit zu tun, sich SOWAS auszuliefern?“
„Was haben sie denn heute wieder getan, Athene“, fragte Bacchus. Draußen vor der Tür flatterte Athenes Eule wild umher und versuchte, in die Bar zu gelangen.
„Sie werfen mit Papierkugeln. Hört ihr? Papierkugeln! Und dann diese dummen Sprüche an der Tafel: Anna + Christoph! Sowas von peinlich. Aber das Schlimmste kommt erst noch: Habt ihr schon mal von Furzkissen gehört? Und ich dachte, vor ein paar tausend Jahren wären die Menschen primitiv gewesen...“
Charon drückte Athene den Schnaps in die Hand, den Bacchus bereits vor abgestellt hatte.
„Dann auf die Arbeit“, sagte er sarkastisch, stieß sein Glas leicht an das ihre und stürzte die brennende Flüssigkeit in einem Zug herunter. Athene tat es ihm gleich.
„Ich hätte es machen sollen, wie Aphrodite. Ich hätte in die Werbung gehen sollen“, murmelte Athene mürrisch.
„Apropos, hat in letzter Zeit mal jemand von ihr gehört“, fragte Bacchus.
„Letzte Woche“, antwortete Charon, „in Fernsehen. Sie ist das Gesicht dieser neuen Tagescreme. Irgend so ein Luxuszeug.“
„Hätte ich mich doch bloß auch dafür entschieden“, grummelte Athene vor sich hin.
In diesem Moment erklang ein Klingeln und Charon sprang voller neuer Euphorie von seinem Barhocker.
„Ich muss los“, rief er, „ich werde gebraucht.“
„Was ist das“, fragte Athene genervt.
„Ich habe einen Tisch mit einer Klingel aufgestellt, so wie die an den Rezeptionen von Hotels. Und dann hab ich sie magisch mit meinem Handy verbunden. Jetzt muss ich mich aber sputen.“
„Denk nochmal über die Sache mit dem Taxifahren nach, ja“, rief ihm Bacchus noch nach. Doch da war Charon schon hinaus gestürmt.
Die Eule flatterte durch die zufallende Tür herein und ließ sich auf Athenes Schulter nieder, wo sie zufrieden vor sich hin uuhte.
„Wenigstens einer von uns, der mal Glück hat“, sagte Zeus, ehe er sich wieder dem Dartspiel zuwandte.
© 2009 Ann-Christin Machowski (für Magazin Schreibstübchen)

Diese Geschichte machte in unserem ersten Schreib-Wettbewerb den zweiten Platz
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