Die Wette mit dem Fährmann

Geschichten des 1sten Schreibwettbewerbes

Die Wette mit dem Fährmann

Beitragvon Lantaris » 18. Mär 2010, 16:41

Die Wette mit dem Fährmann
von Gabriela Helbling

In einem kleinen Dorf im Griechenland der Antike, man schrieb das Jahr 546 v. Chr., lebte eine junge Frau im Hause ihrer Grossmutter. Damaris war schlank und biegsam wie eine junge Weide und genauso war ihre Stimme. Wenn sie sang, blieben die Leute stehen, um ihr zu lauschen, Bäume und Blumen wiegten sich zu den Tönen und die Tiere drehten die Köpfe in ihre Richtung. Ihr Gesang durchwebte die Luft, senkte sich in die Herzen jedes Lebewesens und verzauberte alles ringsumher.

Eines Tages wütete ein Gewitter. Damaris eilte vom Feld heim, als sie von einem Blitz getroffen zu Boden sank. Im Sterben dachte sie, dass es mit ihren achtzehn Jahren zu früh sei, den Fluss Styx zu überqueren.

Charon, der Fährmann, fuhr seit Ewigkeiten die Toten über den Styx, der das Diesseits vom Jenseits trennte. Ohne die Fähre gelang es niemandem, den Fluss zu überqueren und jeder Tote musste dem Fährmann einen Obolus von einer Münze bezahlen. Damaris hatte keine dabei.
„Fährmann, kann ich mit?“, fragte sie den grossen, kräftigen Mann mit dem zeitlosen Gesicht. Der streckte ihr auffordernd seine schwielige Pranke entgegen.
Sie beachtete seine Hand nicht und fragte weiter: „Ist es möglich, aus dem Hades zurückzukommen?“
„Ha, ha, ha“, dröhnte das Lachen von Charon, „Niemals!“
Mit beiden Händen hielt er sich an seinem Ruder fest.
„Du junge, hübsche Seele. Entweder du gibst mir eine Münze oder du irrst in dem Land zwischen Ober- und Unterwelt umher.“
Damaris handelte mit ihm: „Ich möchte mit dir eine Wette abschliessen: Wenn es mir gelingt, Hades zu überzeugen, dass ich zur Erde zurückkehren kann, erlässt du mir das Fährgeld?“
„Und wenn er dich nicht zurücklässt?“
„Dann komme ich und helfe dir für immer.“
Charon überlegte; schon lange verrichtete er seine Arbeit alleine. Das wäre schön, ein weibliches Wesen an seiner Seite zu wissen. Hades würde dem bestimmt zustimmen.

Damaris und Charon besiegelten ihre Wette mit Handschlag und die Fähre stiess am diesseitigen Ufer ab. Mit wehendem Haar stand Damaris am Bug des Bootes und begann zu singen. Ihre Stimme übertönte das Rauschen des Styx. Sie sang von einem Liebespaar in einer Sommernacht, umweht von betörenden Düften der Blumen, von wogenden Kornfeldern und sprudelnden Quellen. Die wehmütige Melodie eilte ihr voran und Persephone, die Gemahlin von Hades, hörte den Gesang und Tränen stiegen in ihre Augen.

Als Hades sah, welche Trauer die Melodie bei seiner Geliebten auslöste, liess er Damaris zu sich kommen: „Meiner Gemahlin gefällt dein Gesang nicht. Ich verbiete dir zu singen!“
Persephone fasste ihn am Arm: „Nein, Hades, ihre Stimme ist Balsam für mein sehnsüchtiges Herz.“
Damaris mischte sich zögernd ein: „Grosser Hades, lass mich zurück in die Welt und mein Leben als alte Frau abschliessen. Ich verspreche dir, wenn ich wiederkomme, für euch im Schattenreich zu singen.“
Hades blickte lange mit glühenden Augen in die ihren; weisse Haare umwallten seinen mächtigen Kopf. Damaris hielt seinem Blick stand.
„Und wenn ich dich nicht gehen lasse?“, fragte der Herr der Unterwelt.
„Dann werde ich in alle Ewigkeit nie mehr singen.“
„Hades, das darf nicht sein! Ausser Orpheus sang niemand mehr wie sie“, rief Persephone.

Lange hing das Schweigen in dem dunklen Gewölbe der Unterwelt bis Hades wieder sprach: „Nun, so sei es! Aber nach Ablauf deiner verlängerten Lebenszeit soll deine Stimme für immer dem Reich der Schatten gehören. Jedoch ich warne dich, begehe nicht denselben Fehler wie Orpheus.“

Durch ihre weise Grossmutter kannte Damaris die alten Geschichten, auch die von Orpheus, der seine Geliebte aus der Unterwelt holte und nicht darauf vertraute, dass sie hinter ihm war und durch einen Blick zurück wieder an den Hades verlor.

Damaris lief den Weg zur Fähre. Als Charon sie sah, ärgerte er sich und versuchte sie zu verleiten; er wollte die Wette doch noch gewinnen: „Schau, hinter dir ist etwas!“ Aber Damaris blickte starr geradeaus und stieg direkt auf das Boot. Mürrisch ruderte Charon sie ins Diesseits und als das Mädchen ausstieg, verabschiedete es sich mit einem schelmischen Lächeln.
© 2009 Gabriela Helbling (für Magazin Schreibstübchen)

Diese Geschichte machte in unserem ersten Schreib-Wettbewerb den ersten Platz.
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Re: Die Wette mit dem Fährmann

Beitragvon Lost Empathy » 4. Jul 2011, 21:25

Super! *händeklatsch*. Das ist doch mal eine Geschichte - die könnte man glatt in ein Buch über griechische Mythen schreiben, sie würde geglaubt werden.
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