Die List des Charon

Geschichten des 1sten Schreibwettbewerbes

Die List des Charon

Beitragvon Lantaris » 18. Mär 2010, 16:44

Die List des Charon
von Jennifer Liebelt


Die Ufer des Styx lagen gespenstisch im Halbdunkel. Das Rauschen des Flusses war leise zu vernehmen. Wie ein Wispern. Nur allzu leicht hätte man es mit dem verhaltenen Wehklagen jener armen Kreaturen verwechseln können, die sich dicht gedrängt in Reih und Glied, zur Anlegestelle schoben. Charon, der Fährmann, stand dort auf seinem hölzernen Floß und nahm von einer bemitleidenswerten Seele jene zwei Münzen entgegen, die für die Überfahrt entrichtet werden mussten. Einige trugen die Taler im Mund, anderen waren sie auf die Augen gelegt worden und erstaunlicherweise hielten sie dort, bis sie ihnen abgenommen wurden. Der Fährmann war von mittlerer Größe und seine graue, bodenlange Kutte wehte im Wind. Der Nebel griff mit kalter Hand nach ihm und er konnte dies tatsächlich spüren, denn er war nicht tot, wie stets behauptet wurde. Er war von Hades, dem Gott der Unterwelt, zu ewigen Diensten versklavt worden, ohne selbst je das Reich der Toten betreten zu haben. Seine knorrigen Hände umklammerten die Stakstange. Er nannte sie Remo, obwohl man so eigentlich die Steuerstange der Gondoliere bezeichnete. Darin lag eine gewisse Komik, denn viele Jahrhunderte zuvor, als er noch ein ganz normaler junger Mann war, beförderte er auch Passagiere übers Wasser. Nur, dass er im schönen Venedig kein Floß sondern eine Gondel steuerte und die Reisenden noch lebendig waren.
Charon hielt inne und betrachtete den Mann aufmerksam, der als nächstes in der Reihe stand. Sein Gesicht sah seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich. Dem Gesicht, das er früher einmal hatte. Sein jetziges Antlitz war hässlich und voller Furchen. Die Haut sah aus, als bestünde sie aus dickstem Leder. Die buschigen, zusammengewachsenen Augenbrauen wirkten wie stachelige Borsten. Das, was einem bei seinem Anblick aber wirklich einen Schauer über den Rücken jagte, waren die schwarzen, ausdruckslosen Augen. Man glaubte in einen unendlichen Abgrund zu blicken. Das ewige Halbdunkel hatte seine Pupillen so groß werden lassen, dass fast kein weiß mehr zu sehen war.
Diese Augen hatten sich jetzt regelrecht festgeguckt an dem Jüngling, der ihm gegenüber stand. Obwohl Charon sonst nur stur und ohne Gefühlsregung seinen Sklavendienst verrichtete, merkte er, wie Wehmut in ihm hoch kam.
Leise murmelnd verfluchte er sich: „Hätte ich doch damals nicht den Helden gespielt...“ Der Blick wirkte entrückt, als seine Gedanken zurück in längst vergangene Zeiten schweiften.
Es war ein heißer Juli und man schrieb das Jahr 1120. Alessio lenkte seine Gondel durch die schönen Wasserstraßen Venedigs zu dem Ort, an dem seine nächsten Passagiere ihn erwarteten. Zumeist beförderte er in letzter Zeit Arbeiter und Handelsreisende, die anlässlich der neuen Werft nach Venedig gekommen waren. Die folgenden Kunden jedoch waren ein Edelmann und seine Verlobte. Der elegante Herr, der seiner Holden mit einer Überraschung aufwarten wollte, hatte die Fahrt schon gestern mit ihm verabredet. Pünktlich erschien er an der vereinbarten Stelle und half der Dame und ihrem Begleiter in die Gondel. Anmutig glitten sie dahin während die Sonne einen funkelnden Teppich auf die Wasseroberfläche zauberte. Nach einer ganzen Weile erreichten sie das Ufer, welches sich der Edelmann für das nachmittägliche Picknick ausgesucht hatte. Alessio setzte die Herrschaften ab und fuhr seines Weges. Plötzlich bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus eine rasche Bewegung, die von einem lauten Platschen begleitet wurde. Als er sich umschaute, sah er einige Meter entfernt, wie sich die Wasseroberfläche kräuselte. Sonst sah er nichts. Auf einmal jedoch tauchte ein Stück Stoff auf und trieb leicht schaukelnd auf dem Gewässer. Alessio beeilte sich, die Stelle zu erreichen. Er beugte sich über den Rand und zog nach Leibeskräften, doch er vermochte den Fetzen nicht zu bergen. Etwas Schweres hing daran. Schnell begriff der Gondolieri, dass es sich um einen Menschen handeln musste, den er in dem trüben Wasser nicht sehen konnte. Unter Aufbietung all seiner Kräfte zog er die Person an die Oberfläche und hievte sie in die bedrohlich schaukelnde Gondel. Es war eine Frau. Eine sehr schöne Frau. Mit einer hässlichen Platzwunde auf der Stirn, aus der das Blut in Strömen über das ebenmäßige Gesicht floss. Alessio brachte sein Ohr an den Mund der Schönen, um festzustellen, ob sie noch atmete. Sie tat es nicht. Seine Hände auf ihre Brust gelegt, versuchte er mit rhythmischem Pressen das Wasser aus ihren Lungen zu befördern und das Herz zum Schlagen zu bringen. Er verschloss ihre Nasenlöcher mit zwei Fingern. Öffnete ihren Mund. Hauchte ihr seinen Atem ein.
Plötzlich bäumte sich die junge Frau auf, drehte sich zur Seite, spie Wasser und fing fürchterlich an zu husten.
„Was...was ist geschehen? Und…wer sind Sie?“ flüsterte sie atemlos.
„Ich bin Alessio, der Gondolieri und ich fand Sie leblos im Wasser. Also hob ich Sie in meine Gondel und brachte Ihr Herz wieder zum Schlagen. Nun fahre ich Sie besser zum Hospital, damit Sie von einem Arzt in Augenschein genommen werden können.“
Die junge Frau nickte.
„Ich heiße Ludovica“, sagte sie während sie sich vorsichtig wieder zurück lehnte. „Danke, dass Sie mich gerettet haben.“
Alessio winkte freundlich lächelnd ab. Er nahm wieder seine übliche Stellung in der Gondel ein, um die Verletzte schnellstmöglich in die Stadt zu bringen.
Nachdem Alessio seinen arbeitsreichen Tag gemeistert hatte, ging er müde nach Haus. Er aß eine Kleinigkeit und fiel dann erschöpft ins Bett. Er hatte sich seine Bettdecke noch nicht ganz bis zur Nasenspitze hochgezogen, als plötzlich, wie aus dem Nichts, eine Gestalt in dem halbdunklen Zimmer erschien.
Alessio richtete sich auf und schaute mit schreckensweiten Augen in das zornige Gesicht der imposanten Erscheinung.
„Ich bin Hades, der Gott der Unterwelt und du hast mich schwer erzürnt, Gondolieri.“, ertönte eine donnernde Stimme.
„Du hast es gewagt meine Pläne zu durchkreuzen. Ludovica war meine Auserwählte, und ich hatte nur eine Chance, sie mir zu holen. So lautete das Abkommen mit ihrem Vater. Gelingt es mir nicht, so muss ich sie fünfzig Jahre lang verschonen und ihren Vater an ihrer statt mit mir nehmen. Doch was soll ich mit ihm? Als Braut taugt er mir nicht!“
Wütend schlug die mächtige Gestalt mit seiner Faust auf den kleinen Holztisch, der neben ihm stand. Er zerbarst in tausend Teile.
„Ich…ich wusste nichts von eurem Abkommen.“, stammelte Alessio ängstlich.
„Schweig!“
Der Gondolieri wagte kaum noch zu atmen.
„Deine Tat wird nicht ungesühnt bleiben. Mein Zorn ist groß und meine Rache gnadenlos.“
Daran hatte Alessio nicht den geringsten Zweifel.
Nach einer Pause sprach der Gott weiter: „ Ich habe einen Fährmann, dessen ich überdrüssig bin. Fortan sollst du seinen Dienst verrichten! Auch wenn du eigentlich nicht meinem Reiche entstammst“.
Ein dichter Nebel füllte plötzlich den kleinen Raum und trug den Gondolieri mit sich fort. Ehe er sich versah, fand er sich an einem trostlosen Ufer wieder. Hinter ihm erklang erneut die donnernde Stimme: „Da vorne ist die Anlegestelle und das Floß. Nimm deinen Platz ein, du bist nun mein Sklave. Dein Name wird nicht länger Alessio sein. Charon sollst du heißen, so wie dein Vorgänger auch. Du geleitest die Toten hinüber ans andere Ufer, wo sie unwiderruflich in die Unterwelt hinabsteigen. Für jeden, der den Preis gezahlt hat, gibt es kein Zurück. Nie mehr! Und so lange ich frei zwischen dem Diesseits und dem Jenseits wandeln kann, gibt es auch für dich keine Erlösung. Von Zeit zu Zeit werde ich kommen, um nach dem Rechten zu sehen und das Geld zu holen. Mach deine Arbeit gewissenhaft und erzürne mich nicht“.
Charon nahm von dem Mann, der ihm so ähnlich sah, das Fährgeld in Empfang. Er war der letzte, der auf dem Floß noch Platz fand. Der Fährmann band es los und stieß es mit seiner Stakstange vom Ufer ab. Leise übers Wasser gleitend, teilte er zusammen mit seiner unheimlichen Fracht den Nebel und verschwand darin. Als Charon sich langsam der anderen Flussseite näherte, durchfuhr ihn plötzlich ein Geistesblitz. Aber natürlich! Warum war er darauf nicht eher gekommen? Nach vielen hundert Jahren lächelte er zum ersten Mal wieder.
Einige Tage später, Charon wusste nicht wie viele, denn Zeit spielte in seinem jetzigen Leben keine Rolle mehr, tauchte plötzlich Hades neben ihm auf, um das Geld einzutreiben. Er trat zu Charon auf das Floß und nahm den Beutel in Empfang. Just als er ihn in den Händen hielt, machte der Fährmann eine ruckartige Bewegung und das Floß geriet gefährlich ins Schwanken. Um sein Gleichgewicht ringend, ließ Hades das Säcklein mit den Münzen fallen. Blitzschnell griff der Fährmann danach und lächelte den Gott siegessicher an. Dieser guckte verdutzt, verstand aber nichts.
„Vielen Dank für das Fährgeld, die Reise geht sofort los.“, sagte Charon.
Nun endlich begriff der Herr der Unterwelt, welcher List er zum Opfer gefallen war.
„Neeeeeeeeeeeeeiiiiiiin!!!!!!“, schrie er, doch es half nichts. Auch er selbst konnte sich seinem Fluch, den er einst aussprach, nicht entziehen. Auf Ewig würde er nun Gefangener seines eigenen Reiches sein.
Nachdem Charon ihn auf der anderen Seite abgesetzt hatte, trat er seine letzte Fahrt auf dem Floß an. Am Anlegeplatz angekommen sprang er auf die Böschung und ließ es einfach von dannen treiben. Zu den Seelen sprach er: „Ihr seid frei! Geht ins Licht, sucht euch dort einen schönen Ort!“ Alessio schaute sich um und betrachtete noch einmal ausgiebig den Ort, an dem er so viele Jahrhunderte in Gefangenschaft verbrachte. Beschwingt machte er sich dann auf den Weg. Ins Licht. Wo er endlich seinen Frieden fand.

© 2009 Jennifer Liebelt (für Magazin Schreibstübchen)
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